KRITIK

Lied in mir, Das

Lied in mir, Das Eigentlich will die 31-jährige Schwimmerin Maria Falkenmayer zu einem Turnier nach Chile. Beim Zwischenstopp aber, auf dem Flughafen von Buenos Aires, hört sie, wie eine Mutter ihrem Kind ein Schlaflied vorsummt – und bemerkt erschreckt, dass sie, die Deutsche, das spanische Lied unwillkürlich mitsingt. Wieso erscheint es ihr so vertraut? Verstört beschließt sie, länger in der argentinischen Hauptstadt zu bleiben.

Ein Sturzflug in verdrängte Schichten der Identität: Jessica Schwarz („Romy“) steht in ihrer bislang wohl herausforderndsten Rolle das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als sie langsam zu ahnen beginnt, dass sie nicht die ist, von der sie immer überzeugt war, es zu sein. Ihr Vater Anton (hervorragend: Michael Gwisdek, „Boxhagener Platz“) reist ihr hinterher und gesteht: Maria ist nicht seine leibliche Tochter. Ihre tatsächlichen Eltern wurden während der argentinischen Militärdiktatur unter Videla (1976-83) von der Junta zu Tode gefoltert, Maria wurde als Kleinkind von Anton adop­tiert. So sehr der jungen Frau bereits diese Geschichet den Boden unter den Füßen wegzieht: Es ist noch immer nicht die ganze Wahrheit…

Florian Cossens Selbstfindungsdrama ist erstaunlich für einen Erstlingsfilm: Wo andere Debütanten in Überdeutlichkeiten und Erklärungsüberfüllen schwelgen, lässt Cossen weg, was und wo immer es geht. Seine fragmentarische, elliptische Erzählung, in 35 Millimeter Cinemascope-Format gedreht, sprunghaft geschnitten und kunstvoll fahrig inszeniert in einem seltsam ausgebleichten Buenos Aires, zielt weder auf Geschichtslektionen noch auf Abrechnungen ab: Es geht ihm ums stürzende Welt- und Selbstbild einer gerade erwachsenen Frau, die nicht mehr weiß, wem sie vertrauen, wen sie lieben soll. Eine verbitterte Tante taucht auf, und eine Spiegelfigur zu Maria kompliziert das Drama: ein junger Polizist (Rafael Ferro), der von der Vergangenheit seines Vaters nichts wissen will. Denn der war einst ein Scherge des Militärs.

Geschickt gibt hier eine „Wahrheit“ die nächste preis, und der Pas de Deux von Schwarz und Gwisdek um Schuld, Vergebung und Verdrängung gehört zum Fesselndsten, was das deutsche Schauspielerkino unlängst zu bieten hatte. Sehenswert.



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INHALT

Die junge Deutsche Maria hört bei einer Zwischenlandung in Buenos Aires ein spanisches Kinderlied und bricht zusammen. Maria hat nie Spanisch gelernt und erkennt doch das Lied. Fast 30 Jahre hat ein Lied in Maria geschlafen, das nicht in den Teil von Marias Leben passt, an den sie sich erinnert. Als Marias Vater Anton davon erfährt, dass Maria sich an ein spanisches Lied erinnert, reist er sofort zu ihr nach Argentinien. Instinktiv will er seine Tochter vor der Vergangenheit beschützen.

Als sich Vater und Tochter in Buenos Aires gegenüberstehen muss Anton erkennen, dass er noch nie so nah daran war seine Tochter für immer zu verlieren. Maria ringt mit Anton um eine gefährliche Wahrheit und Anton ringt mit der Vergangenheit um seine Tochter.
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