KRITIK

Lieber leben

Plakat zum Film Lieber leben mit allen beteiligten Darstellern

Bild (c) Neue Visionen Filmverleih.

Die ersten Szenen im Debütfilm des Regie-Duos Grand Corps Malade und Mehdi Idir, „Lieber leben“, erinnern an Julian Schnabels Buchadaption „Schmetterling und Taucherglocke„. Beide Geschichten basieren auf tatsächlichen Vorkommnissen, in denen sich der Protagonist unversehens im Krankenhaus wiederfindet und sich mit den Restriktionen seines neuen Selbst arrangieren muss.

Bei Julian Schnabel, also in Jean-Dominique Baubys Fall, war dies das Gefangensein im eigenen Körper, der nach einem Schlaganfall nicht mehr funktionierte, mit Ausnahme des Verstandes und der Augen. Fabien Marsaud alias Grand Corps Malade hatte hingegen eher Glück im Unglück. Denn er war nach einem Kopfsprung-Unfall in einem Freibadschwimmbecken „nur“ teilweise querschnittsgelähmt. Mühevoll musste er lernen, seine Arme und Beine wieder zu bewegen.

„Lieber leben“ setzt nach dem Aufwachen aus der Operation aus subjektiver Perspektive ein, und bringt dem Zuschauer deswegen genau wie „Schmetterling und Taucherglocke“ die eingeschränkte Wahrnehmung des Protagonisten auf schmerzliche Weise nahe. Atemschläuche und die bedingungslose Abhängigkeit von der Hilfe anderer machen die ausweglos erscheinende Situation des jungen Mannes unmissverständlich deutlich.

Szene aus dem Film Lieber leben mit den männlichen Darstellern im Rollstuhl.Aber der im Film Benjamin (grandios: Pablo Pauly) genannte junge Mann ist eine wahre Kämpfernatur. Er träumt von einer Karriere als Profisportler und studierte Sport auf Lehramt. Das ist für ihn Motivation genug, um so schnell wie möglich wieder alle Gliedmaßen eigenständig bewegen zu können. In der Reha-Einrichtung findet er schnell Freunde, die ebenfalls teilweise gelähmt oder aus anderen Gründen auf den Rollstuhl angewiesen sind. Farid (Soufiane Guerrab) wird zu einer wichtigen Stütze und zur humorvollen Ablenkung von den Tücken des Klinikalltags. Und mit Samia (Nailia Harzoune) wird kurz darauf eine hübsche, junge Frau eingeliefert, die nach einem Autounfall ebenfalls an den Rollstuhl gefesselt ist.

Man merkt „Lieber leben“ an, dass er von Menschen gemacht wurde, die sich mit der Thematik bestens auskennen. Drehbuchautor Grand Corps Malade (zu Deutsch Großer kranker Körper) erzählt hier seine eigene Krankheitsgeschichte und weiß, auf welche Details es dabei ankommt. Auf die nervigen Charaktereigenschaften eines Pflegers oder auf die Angst, das erste Mal wieder aufrecht zu sitzen… Oder auf die physischen Probleme, den Körper nach Wochen des Muskelabbaus im Rollstuhl zu halten und dabei nicht in Schnappatmung zu verfallen…

Szene aus dem Film Lieber leben mit Hauptdarsteller Pablo Pauly im Bett. Grand Corps Malade weiß aber auch, dass man all diese Torturen nur mit einem guten Quäntchen Humor überstehen kann. Dass er nach seiner Genesung zu einem erfolgreichen Rapper und Comedian geworden ist, hat seinem Filmdebüt ebenfalls nicht geschadet. Er versteht es auf exzellente Weise, beim Zuschauer Mitgefühl für die schwer gebeutelten Figuren zu wecken und ihrem Schicksal trotzdem auch mit einem Lächeln im Gesicht zu begegnen. Sehenswert.

 

 



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INHALT

Ben hat haufenweise Pläne und einen großen Sinn für Humor. Auch Farid hatte einiges vor, bevor er vor Jahren durch einen Unfall im Rollstuhl landete. Die beiden treffen sich in einem Reha-Zentrum, in das auch Ben verlegt wird, nachdem er sich einen Halswirbel gebrochen hat. Er wird lebenslang behindert sein, heißt es. Ob telefonieren, pinkeln oder essen – nichts geht bei Ben mehr ohne die Hilfe von der ungeschickten Schwester Christiane und von dem immer viel zu gut gelaunten Pfleger Jean-Marie. Trotzdem gibt Ben nicht auf, er reißt einen Witz nach dem nächsten über die bedeutungslustige Reha-Psychologin und die unzumutbaren Stützstrümpfe. Ben trifft auch auf Toussaint und Steeve, ebenfalls Patienten, die die große Kunst gelernt haben, das Unglück einfach auszulachen. Und dann ist da noch die bildhübsche Samia, in die Ben sich auf den ersten Blick verliebt. Eine Gruppe voller Knallköpfe und Kämpfer – versehrte Helden, die gemeinsam die Verzweiflung aus dem Weg räumen und jeden Millimeter Bewegung feiern. (Text: Neue Visionen Filmverleih)
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