KRITIK

Lichter der Vorstadt

Lichter der Vorstadt Immer wenn sich Aki Kaurismäki, der finnische Meister des lakonischen Verzweiflungsfilms, zurückmeldet, freut sich die Fangemeinde: Endlich widmet sich ihr Lieblingsregisseur wieder den Geprügelten, Erniedrigten und Pechvögeln, endlich wieder eine neue Gossenballade aus dem hohen Norden. „Lichter der Vorstadt“ ist nach „Wolken ziehen vorüber“ und „Der Mann ohne Vergangenheit“ der abschließende Teil seiner „Trilogie der Verlierer“, wobei man natürlich mit Fug und Recht behaupten könnte, dass sich auch das restliche Werk des vielfach ausgezeichneten Skandinaviers ausschließlich mit Figuren befasst, die sich garantiert nicht auf der Sonnenseite des Lebens aufhalten.

Hier heißt der geprügelte Hund Koistinen (sensationell gespielt von Janne Hyytiäinen, der auch im „Mann ohne Vergangenheit“ schon dabei war). Koistinen ist Wachmann, lebt in einer spartanischen Wohnung und wirkt in der Bar, wenn er sich Wodka bestellt, so flüchtig, dass man ihn kaum wahrzunehmen vermag. Umso überraschter ist diese Un-Gestalt, als sich eines Tages eine üppige Blondine (Maria Järvenhelmi) neben ihn setzt, um ihn anzusprechen. Will diese Mirja etwa mehr von ihm? Erst traut Koistinen der Sache nicht so ganz, dann verhält er sich bestürzend naiv: Er weiht sie in das Geheimnis seiner Wächtertätigkeiten ein, selbst, als sich Mirja beim Rendezvous in seiner Wohnung bei ersten Zärtlichkeiten verdächtig abwehrend verhält. Regungslos nimmt er schließlich die Katastrophe zur Kenntnis: Mirja hat ihm Schlafmittel in den Kaffee geschüttet, die Schlüssel entwendet und Gangstern damit den nächtlichen Zugang zu einem Juwelier ermöglicht. Juwelen, die Koistinen bewachen sollte, sind futsch. Mirja geht sogar noch weiter und jubelt ihrem treuseligen Opfer belastendes Material unter. Koistinen muss in den Bau. Und hat in all der Zeit gar nicht gemerkt, dass das Gute so nah lag: Imbissbudenfrau Aila (Maria Heiskanen) hat es doch stets gut mit ihm gemeint.

Kaurismäki macht da weiter, wo er mit dem „Mann ohne Vergangenheit“ aufgehört hat: Im Stil alter Hollywoodmeister (vor allem Douglas Sirk) und amerikanischer Maler (vor allem Edward Hopper) inszeniert er ein fahles Helsinki im Hafenmilieu, das nur hie und da von irrealen Grün- und Rotbeleuchtungen ins Märchenhafte überhöht zu werden scheint. Der Absturz des arglosen Koistinen hat dabei die Konsequenz tragischer Wuchtigkeit, begleitet von Film-Noir-Zitaten wie der blonden Femme Fatale und männlicher Gewaltausbrüche. Dabei bleibt Kaurismäki aber seinem verknappten Stil treu: Vieles bleibt angedeutet, geschieht außerhalb des Kamerablickwinkels. Plötzliche Schnitte überspringen wichtige Handlungselemente, die sich erst aus der Retrospektive erschließen. Mit 77 Minuten ist dieser letzte Trilogie-Teil denn auch sehr knapp ausgefallen. Aber das volle Kaurismäki-Vergnügen entfaltet sich auch diesmal wieder, in einem anrührenden Werk, mit dem er nichts Neues vorlegt, aber Bekanntes vorzüglich variiert.



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INHALT

Koistinen arbeitet als Wachmann in einer Shopping-Mall. Hier dreht er seine Runden, in einem postmodernen Tempel der Konsumgesellschaft, wie ein solitärer Satellit. Bei den Kollegen trifft er bestenfalls auf abschätzige, misstrauische Blicke. Seine Welt ist derart leer geräumt, dass ihm die blonde Frau, die ihn anspricht, wie ein Engel erscheinen muss. Er glaubt, dass es Liebe sein könnte, aber es ist ein Komplott. Die Blondine namens Mirja agiert als Lockvogel eines Gangsters, der einen Juwelenraub im Einkaufszentrum plant.

Die Einsamkeit macht Koistinen blind. Er tappt in die Falle und mag sich nicht eingestehen, dass Mirjas Avancen bloße Berechnung sind. Vor allem übersieht er, dass die andere Frau, die ihm an der Imbissbude geduldig zuhört, Aila, tatsächlich sein rettender Engel sein könnte.
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