KRITIK

Let me in

Plakat zum Film Let me inRemakes sind in erster Linie ein Anzeichen für Ideenarmut. Doch das Wort „Armut“ hat in einer erfolgreichen Branche nichts zu suchen. Die amerikanischen Filmindustrie, die seit den 90ern kontinuierlich mehr Geschichten verlangt als ihr angeboten werden, assimiliert seit Jahren Geschichten aus anderen Ländern. Dabei treibt diese Gier nach „mehr“ auch in der Filmbranche immer seltsamere Blüten. Bedient eine Geschichte aus Übersee zudem einen Trend, der in regelmäßigen Zyklen wie die sprichwörtliche Kuh durchs Dorf getrieben und dabei stets wie eine Zitrone ausgepresst wird, fördert diese „Remake-itis“ Geschichten zu Tage wie die von „Let me in „.

Tomas Alfredsons Verfilmung des schwedischen Romans „Let the right one in“ (Låt den rätte komma in) von John Ajvide Lindqvist schrieb 2008 beim europäischen Horror-Publikum eine Erfolgsgeschichte, wie sie nicht alle Tage vorkommt. Die skurrile Liebesgeschichte zwischen einem geheimnisvollen Mädchen und einem Außenseiter wurde zunächst auf zahlreichen Fantasy-Filmfesten gezeigt, feierte große Erfolge und fand anschließend auch beim Mainstream-Publikum zahlreiche Anhänger. Bereits vor der Premiere der schwedischen Romanadaption gab es Pläne für eine englische Version. Man bot Tomas Alfredson die Regie an, der jedoch ablehnte, da er angesichts seiner gelungenen Verfilmung eine weitere für überflüssig hielt.

Fantasy und Erfolg in Europa, diese erfolgversprechende Kombination wollte man sich in Hollywood nicht durch die Hände gehen lassen. Der junge Regisseur Matt Reeves (Jahrgang 1966), der bereits mit „Felicity“ eine erfolgreiche Serie ins Fernsehen gebracht und mit „Cloverfield“ ein beachtliches Debüt als Spielfilmregisseur abgelegt hatte, bekundete bereits vor der Veröffentlichung des schwedischen Filmes sein Interesse an der Geschichte von John Ajvide Lindqvist. Er konnte den Autor des Buches für sich gewinnen und wollte keine seiner Ideen bzw. Entscheidungen bei diesem Film ohne seinen Segen verwirklichen. So kam nur zwei Jahre nach dem Filmstart in Schweden, im Jahr 2010 das Remake von Reeves in die US-Kinos – und floppte. Lediglich 12 Millionen Dollar spielte der Film an den US-Kassen ein. Weitere Projekte von Reeves? Bislang nicht bekannt.

Szene aus dem Film Let me inEs gibt augenscheinlich also keinen Grund, warum man sich den 1:1-Szene-für-Szene-Nachdreh des schwedischen Erfolgsfilms mit dem deutschen Titel „So finster die Nacht“ anschauen sollte. Bis auf zwei: Chloe Grace Moretz und Kodi Smit-McPhee. Chloe Moretz, die zur Zeit in Martin Scorseses „Hugo“ an der Seite von Asa Butterfield als Isabelle für Furore sorgt, verkörpert Abby, ein seltsam blassses wie geheimnisvolles Mädchen, das im New Mexiko der 80er Jahre mit ihrem Vater (Richard Jenkins) in eine neue Wohung eines Mehrfamilienhauses eingzogen ist. Mit ihrer seltsam leblosen Art erweckt sie die Aufmerksamkeit des 12-jährigen Owen (Kodi Smit-McPhee), der bei seiner alleinerziehenden Mutter (Cara Buono) aufwächst. Kodi Smit-McPhee, der schon neben Viggo Mortensen in „The Road“ brillierte, verleiht seinem Owen eine Aura, die gleichsam fasziniert wie abstößt. Owen ist viel zu schmächtig für sein Alter, er wird von seinen Mitschülern drangsaliert. Völlig allein gelassen, hegt er allabendlich den Wunsch, am liebsten seine Peiniger mit einem Messer zu erstechen.

In der seltsam blassen Abby, die er meistens abends im Innenhof trifft, sieht er eine perfekte Leidensgenossin. Er freundet sich schnell mit ihr an, obwohl er weiß, dass bei Abby, ihrem Vater oder bei ihnen beiden nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Szene aus dem Film Let me inAls er immer wieder seltsame Geräusche aus der Wohnung von Vater und Tochter vernimmt, geht er auf eine gefährliche Entdeckungstour, mit der er ein schreckliches Geheimnis aufdeckt. Mehr noch als im schwedischen Original ziehen die beiden jungen Hauptdarsteller im amerikanischen Remake die Zuschauer in ihren Bann. Mett Reeves erweist sich überraschenderweise als versierter Schauspielerregisseur, der seine herausragenden Hauptdarsteller richtig zu führen weiß. Mehr noch als im Original umgibt das Schauspiel der beiden jungen Talente eine Aura, die die Zuschauer tief berühren wird. Um es mit den Worten eines amerikanischen Kollegen zu sagen: Das Original war ein sehr guter Thriller. „Let Me In“ ist einfach ein guter.“

  

Kritikerspiegel Let me in



Dimitrios Athanassiou
Moviemaze.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Sebastian Büttner
It´s just a film
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau; mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd Film, Die Welt, FR
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Lida Bach
u.a. film-zeit.de, kino-zeit.de, titel-magazin.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


 



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INHALT

Der zwölfjährige Owen (Kodi Smit-McPhee) wächst 1983 in einer Kleinstadt in der Bergwelt New Mexicos auf – der perfekte Spiegel der gepeinigten Seele des zierlichen Jungen, der allein mit seiner Mutter in einem tristen Wohnblock lebt. Freunde hat er dort keine und in der Schule wird er von Mitschülern terrorisiert. Doch dann zieht ein Mädchen in seine Nachbarschaft, das genauso einsam und verloren wirkt. Owen schließt Freundschaft mit Abby (Chloë Moretz), die mit ihrem Vater (Richard Jenkins) allein zu leben scheint und sich immer nur nach Sonnenuntergang sehen lässt. Als ein Mord nach dem anderen die kleine Gemeinde erschüttert und eine blutleere Leiche nach der anderen gefunden wird, keimt ein erschütternder Verdacht in Owen...
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