KRITIK

Legend of Tarzan

Bild (c) 2016 Warner Bros Pictures.

Bild (c) 2016 Warner Bros Pictures.

Außergewöhnlich geschwätzig kommt er daher im filmischen Gewandt von David Yates. Der britische Regisseur, Jahrgang 1963, ist sichtlich bemüht, die epischen Ansichten dessen, was er in den letzten vier Harry Potter Filmen erreichte, nun einem weiteren Literaturhelden angedeihen zu lassen: Sein neuer Held Tarzan, der Lianenschaukler, muss dafür aber zunächst das knappe Fellhöschen gegen feine Beinkleider für aristokratische Hipster eintauschen. „Legend of Tarzan“ ist nämlich vieles: Originstory, dazu das passende Sequel, sensibel den Aspekt des Rassismus im Blick und historisch revisionistisch. Nur eines wurde leider vergessen: Der Spaß.

Gut, das Branding „Tarzan“ dürfte manch einen in die Falle locken. Wer darüber hinaus seine Pulp-Helden mit Superkräften mag, könnte auch „Legend of Tarzan“ auf den Leim gehen. Leider jedoch schreit der Film, der im deutschen Titel ohne das „The“ auskommen muss, wie bereits Pan, eines ziemlich deutlich mit gutturalem Urwaldjodler in die Welt hinaus: Warner sollte die Live-Action-Reboots lieber Disney überlassen und sich endlich etwas Eigenes suchen.

In einem Film aber, dessen visuelle Effekte sich weit unter dem bewegen, was man sich von ihm gewünscht hätte, will uns das Kreativteam um Yates von allem Übel mit wirklich beeindruckenden Ansichten irgendwo zwischen den topografischen Highlights des zweitgrößten Erdteils namens Afrika und Alexander Skarsgårds Muskeln ablenken. Die lockende Pracht letzterer erscheint jedoch erst gen Mitte des Films. Adam Cozad und Craig Brewers Drehbuch ist nämlich zuvor damit beschäftigt, Skarsgårds Tarzan überhaupt nach Afrika zurückzubekommen. Ein Unterfangen, von dem sich Jane (eine halbemanzipierte Margot Robbie) begeistert zeigt, verbringt der Schlingpflanzenathlet seine Tage in England doch nur damit, Kokosnüsse zu kreuzen und Tischtennis zu spielen. Wie uns Zuschauern durch übermäßig schnittfreudige Rückblenden offenbart wird, ist der subtropische Kaspar Hauser erwachsen geworden und hat sich ins Herz des britischen Empires re-gentrifiziert. John Clayton III, fünfter Earl von Greystoke und Mitglied im House of Lords schimpft sich das einstige Urwaldkind nun.

Szene_Legend_Tarzan_3Indem er seinen Heroen mit sichtbaren und unsichtbaren Narben bedeckt, versucht sich Yates natürlich in zeitgemäßem Realismus der oberflächlichen Natur und will uns dies als angemessen komplizierten Charakter verkaufen. Das Endergebnis ist vor allem eines: Chrisopher Nolans urbaner Seilakrobat Batman. Skarsgård stellt Tarzan/Clayton als verhätscheltes Kind aus reichem Hause dar, das sich vom Tod der Eltern dazu verdammt fühlt alle anderen zu beschützen. Der gewichtigste Unterschied dabei ist, dass sich Clayton hinter keiner Maske versteckt und es dem Schurken des Films somit viel leichter macht. Captain Leon Rom heißt der Antagonist der Stunde und in seiner Gestalt präsentiert uns Christoph Walz erneut eine seiner aalglatten Soziopathenrollen, nur ein paar Nuancen von SS-Standartenführer Hans Landa aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ entfernt. Dieser also lockt Tarzan unter Ausflüchten in den Kongo, um ihn dort dem rachsüchtigen Stammesführer Mbonga (Dijom Hounsou) im Tausch gegen heißbegehrte Diamanten auszuliefern.

Sich unbeabsichtigt zum Mittäter in diesem perfiden Spiel macht sich auch Samuel L. Jackson, hier als George Washington Williams, ein (realer) Veteran des Sezessionskriegs übrigens. Letzterer hat den belgischen König Leopold II. im Verdacht, noch immer im Kongo Sklaverei zu betreiben oder zumindest diese zu dulden. Nachdem Williams in den USA die Sklaverei bekämpft hatte, kann der gute Mann mit tonalen Einschlüssen aus Tarantions „The Hateful Eight“ nun die Seuche der Untedrückung an ihrer Wurzel ausmerzen – und für diese Mission Tarzan gewinnen. Dass der Ökohipster plötzlich viel mehr am Schicksal seiner Gorillaeltern interessiert ist, als an dem seiner Mitmenschen, ist dabei völlig unerheblich, es geht doch auch um ein wenig Stabilität in der ausgebeuteten Kolonie!

Szene_Legend_TarzanWilliams entpuppt sich schnell als beste Zutat im umfangreichen Rezept von „Legend of Tarzan“. Kurz dahinter kommt die Entscheidung, die Handlung in den Kongo zu verlegen. Sicherlich nicht ganz der Hintergrund, den sich Edgar Rice Burroughs für seinen Helden vorgestellt hatte. Aber so lässt sich eben noch ein wenig in die zivilisationskritische Kerbe schlagen und berechtigte Kritik am ausbeuterischen Verhalten der westlichen Welt gegenüber dem vernachlässigten Kontinent Afrika äußern. Tarzan, der eigentlich nur nach seinen adoptiven Gorillas schauen möchte, wird bei Cozad/Brewer zum Heroen, der sich mit den unterdrückten Einwohnern identifizieren kann. Und der sich anschließend gegen den korrupten, weißen Mann erhebt, um ihm Respekt für das Leben der Eingeborenen abzuringen, damit ihnen ihre Freiheit gelassen wird. Schließlich geht es auch um die Entscheidung, wie mit den natürlichen Ressourcen des Landes zu verfahren ist.

So installiert „Legend of Tarzan“ Captain Roms Niederträchtigkeit mit Kopfschussmentalität erschütternd nahe am kaltblütigem Völkermord. Wenn Rom und seine Force Publique Schergen über das Dorf herfallen, welches Tarzan und Jane einst als Heimat diente und die genzoideske Seite der Europäer hervorgehoben wird, fällt dies erzählerisch eher mau aus. Genau wie Tarzan ist Yates viel mehr am wesentlich später dargestellten Schicksal von Tarzans Gorillafamilie interessiert, was der Szene die nötige Wucht nimmt.

Als kleine Information fürs nächste Popkultur-Quiz: Leon Rom ist auch eine historische Figur und diente als Vorlage für die Figur Colonel Kurtz aus Coppolas „Apocalypse Now“, den wahren Elfenbeinhändler Kurtz aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Rom, gehüllt in weißes Leinen und nur bewaffnet mit einem tödlichen Rosenkranz, erhält für seine Schandtaten die Strafen, die Hollywood-Drehbuchautoren für Männer wie ihn für angemessen halten. Darunter ein homophober Kommentar durch Tarzans Jane, die die Beziehung ihres Liebsten zu Priestern als eine zu enge ansieht. Genauso inkonsequent wie seine Unbewaffnung und Sensibilität erweist sich schlussendlich auch die Unzerstörbarkeit des Rosenkranzes aus Spinnenseite.

Szene_Legend_Tarzan_2Die Rolle des Tarzan hat eine klar gezeichnete Sonderstellung in den Rängen westlicher Pulp-Helden, verlangt sie doch vom Titelhelden wenig bis gar kein schauspielerisches Talent. Das haben unter anderem der Bodybuilder Miles O´Keeffe und das Calvin Klein Model Travis Fimmel anschaulich unter Beweis gestellt. Dennoch gelingt es mit jeder Neuauflage, die Ansprüche an eine unnatürliche Physis noch einmal in die Höhe zu schrauben. Skarsgård ist dafür genau die richtige Wahl, erscheint er doch mehr denn je dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop entstiegen zu sein. In diesem wurde scheinbar erst Stellan Skarsgårds Kopf demontiert und später auf einen komplett zertrainierten Torso geschraubt. Die Ironie an dieser Behauptung: Sie ist nicht fern dessen, was das Visuell Effects Team bietet, wenn sich Tarzan in atemberaubenden Tempo von Liane zu Liane hangelt.

In einer Zeit, in der Zuschauer Tarzan als eine Art Ur-Superhelden akzeptieren sollen (und vermutlich werden), wird dieser zudem mit Fähigkeiten eines weiteren Superhelden versehen: Auqaman. Sei´s drum. Unser Titelheld ist super stark, super agil und kann zudem mit allen Tieren Afrikas Reden. Obendrein verfügt Tarzan über ein endloses Repertoire an hilfreichen Brunftlauten und versteht so ziemlich jede Stammessprache.

Szene_Legend_Tarzan_4Ob nun Tarzan oder sonst wer neben irgendeinem Tier auftaucht: Diese erscheinen beachtlich detailgetreu digital nachgezeichnet. Kein Vergleich beispielsweise zu Disneys Neuauflage des Dschungelbuchs. Als Mbongas Männer und Tarzans Affenbande aufeinandertreffen, schauen die menschlichen Akteure oft nicht einmal in die richtige Richtung und scheinen Geisteraffen gegenüber zu stehen.

Yates gibt sich immer wieder Mühe die – zugegebenermaßen sehr kitschige und typisch burroughhaft pubertäre – Figur des Tarzan in einen halbwegs glaubwürdigen Kontext zu stecken. Alles in allem ist das Ergebnis aber ein selbstglorifizierendes B-Movie. Keine psychologische Tiefe rettet den Urwaldschreihals, wenn es Regie und Drehbuch nicht schaffen, eine überzeugende Verbindung zwischen ihm und seinen tierischen Verbündeten zu installieren. In dieser seelen- und leblosen Inkarnation will einem der Tarzanschrei zum Ende nicht so recht von den Stimmbändern kommen, zu blass bleibt Yates´ Titelheld im überbordenden CGI-Gewimmel.

 

 

 

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