KRITIK

Lady Macbeth

Plakat-zum-Film-Lady-Macbeth-mit-Hauptdarstellerin-Florence-Pugh-im-blauen-Kleid.

Bild (c) 2017 Koch Films.

Keine Missverständnisse: Dies ist keine Shakespeare-Verfilmung. Als Vorlage des staunenswert stilsicheren, herrlich hypnotischen Regiedebüts diente die Novelle „Lady Macbeth von Mzensk“ (1865) des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow ­– eine kriminalistische Tragödie, die schon Schostakowitsch zu seiner gleichnamigen Oper inspirierte: Eine blutjunge Kaufmannsgattin fühlt sich vernachlässigt, verfällt in rücksichtslosen, Lady-Macbeth-gleichen Furor, plant den Mord an diversen Familienmitgliedern, wird wahnsinnig, bringt sich um. Vorhang.

Der britische Theaterregisseur William Oldroyd verlegt das Geschehen nun aus dem zaristischen Russland ins ländliche England derselben Zeit und schnippelt dabei das ganze kriminalistische Beiwerk weg: Im Mittelpunkt steht von Anfang an die junge Katherine, mit magnetisierendem Mimik-Minimalismus gespielt von der engelsgleichen Newcomerin Florence Pugh.

Szene-aus-dem-Film-Lady-Macbeth-mit-Hauptdarstellerin-Florence-Pugh-in-einer-Diele.Katherine kommt aus bescheidenen Verhältnissen, wird mit dem erheblich älteren, betrüblich lieblosen und auch noch zeugungsunfähigen Kaufmann Alexander (Paul Hilton) zwangsverheiratet, in dessen sturmumtosten Herrenhaus im ländlichen Yorkshire sie fortan als Deko-Objekt die viktorianischen Sofas plattsitzen muss. Der schmierige, kaltherzige Schwiegervater macht keinen Hehl daraus, dass er Ka­therine nur für den Erbenproduktionsbeischlaf einkaufte.

Als sich Gatte und Schwiegervater auf wochenlange Reisen begeben, beginnt die zu Tode gelangweilte Katherine eine feurige Affäre mit dem virilen Stallburschen Sebastian (Cosmo Jarvis). Sie übernimmt das Regiment im Haus, und als die Männer zurückkehren, greift die junge Frau zu wenig zimperlichen Maßnahmen, die mitfiebernde Zuschauer in einen moralischen Zwiespalt stoßen dürften.

Oldroyd nimmt sich Zeit, um die Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse nachzuzeichnen, ehe er in einer Art Montage der Gnadenlosigkeiten Eskalation an Eskalation fügt: In irrem Tempo und wie mit der (blutigen) Heckenschere geschnitten, aufs Wesentliche der radikalen Emanzipationsgeschichte reduziert, eilt der schon vielfach preisgekrönte 90-Minüter seinem finsteren Finale entgegen. Das ist ganz anders als in Novelle und Oper – und noch viel verstörender. Sehenswert.

 

 

 



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