KRITIK

Kraftidioten – Einer nach dem anderen

Bild (c) Berlinale

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Alter Schwede! Der eigenbrötlerische Nils ist in seinem norwegischen Wahlheimatort zum Bürger des Jahres gewählt worden. Warum verstehe er nicht, sagt Nils. Er tue einfach nur, was ihm Spaß mache: Im frostigen Handlungsort die Straßen mit dem Schneefahrzeug freikämpfen. Bisher pflügte er nur die weißen Massen, doch es kommt der Tag, an dem er erkennt, was den Weg der Zivilisation tatsächlich verstopft: das organisierte Verbrechen.

Letztes fordert das Leben von Nils´ Sohn Ingvar. Der hatte die falschen Freunde, von denen einer für den ortsansässigen Drogenbaron Graf (Pål Sverre Hagen) arbeitete. Ein geklautes Päckchen Kokain bringt Ingvar ins Leichenschauhaus und Nils (Stellan Skarsgård) auf einen unerbittlichen Rachefeldzug. Sein Sohn „war kein Junkie“ wie die schmierigen Spießgesellen, die Nils quasi zum Warmwerden kalt macht. Die Körper entsorgt er, indem er sie in Drahtzaun gerollt in einen reißenden Eiswasserfall wirft. Die von pathetischer Musik untermalte Szene macht Regisseur Hans Peter Molland zu seinem persönlichen supergewitzten Running Gag, der sich unbarmherzig wiederholt während Nils sich zum Grafen vormordet.

Als perfekt integrierter Einwanderer, als den ihn Kim Fupz Aakesons Drehbuch bezeichnet, ist es sein Pflicht, im abfällig als „Wohlfahrtsstaat“ titulierten Norwegen auszukehren. Der soziale Unrat sind kriminelle Ausländer und dekadente Einheimische, die auf moderne Kunst stehen, Coffee-to-go trinken, Cupcakes essen. „Scheiß-Veganer“ sind das und ihre Kinder ernähren sich von „Bio“ – oder sind schwul wie der Sohn des Grafen oder – ganz schlimm – jüdisch und schwul. „Ich halte nur einen Streifen Zivilisation offen gegen die Wildnis“, erklärt Nils, dessen Vigilantentum die faschistoide Krimi-Groteske zum mannhaften Gerechtigkeitskampf verklärt.

Bild (c) Berlinale

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In Einklang mit dem Law-and-Order-Tenor klagt die Handlung, dass es im norwegischen Knast so gemütlich sei, dass sich das serbische Verbrechersyndikat des Patriarchen Papa (Bruno Ganz) darüber amüsiert. Dagegen hält die verknöcherte Macho-Phantasie Maxime wie „Blut für Blut!“ und „Ein Vater muss seinen Sohn rächen!“ In dieser Männerwelt haben Frauen nichts zu suchen. Nils Gattin Gudrun (Hildegun Riise) sucht nach Ingvars Tod das Weite und die asiatische Gattin von Nils entfremdetem Bruder Wingman (Peter Andersson) stapft nach Wingmans Beerdigung mit gepacktem Ziehkoffer davon, nachdem sie auf den Sarg gespuckt hat. Auf Frauen ist einfach kein Verlass! Die warten nur auf die erstbeste Gelegenheit abzuhauen oder sich scheiden zu lassen. Daher sollen sie lieber die Klappe halten. Des Grafen Ex-Frau Marit (Brigitte Hjort Sörensen) bekommt für ihre Kritik ordentlich eines von ihrem Ex-Mann in die Fresse: eine Szene, die beim Publikum im Berlinale-Palast besonders gut ankam. Ungefähr so gut wie die Ermordung des Chinaman (David Sakurai). Der Chinaman heißt nicht zufällig so, sondern ist das neo-konservative Klischee eines Asiaten aus Sicht des Regisseurs, der den rassistischen Begriff vermutlich auch jenseits der Leinwand gern benutzen würde. Japaner oder Chinesen, die sehen doch alle gleich aus, ha ha ha.

Aber ob das auf einem internationalen Festival so gut ankäme? Man muss immer aufpassen, mit wem man es zu tun hat. Das tut der von Nils als Auftragskiller angeheuerte Chinaman. Statt den Graf umzubringen verkauft er ihm den Namen seines Widersachers. Umgehend steht sein Name unter den auf Titelkarten eingeblendeten Obiturarieren, da er nicht nur die Regeln der nationalen Grammatik missachtet, sondern den nationalen Anstandskodex. „Hier in Norwegen halten wir uns ehrenhaft an unsere Vereinbarungen“, erklärt der Graf angewidert dem Killer. Der fliegt in Maschendraht gepackt ebenso über die lokale Wasserfall-Leichenmüllkippe: „Echt gute Maki Rolle!“ Ha ha ha. Mehr Belustigung weckte nur der bizarre Unfalltod eines Serben, der in Nils Schneepflug gerät.

Unangenehmer als Mollands dumpfe Fascho-Farce ist deren wohlwollende Aufnahme beim Publikum. Während nach der Vorführung geklatscht wurde, bemerkte eine befreundete Kollegin zu mir: „Das ist nichts weiter als eine nationalistische Rachephantasie.“ D´accord.

 




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INHALT

Der in sich gekehrte und arbeitsame Nils hält mit mächtigen Schneepflügen die Wege und Bergpässe seiner Gemeinde in der unwirtlichen norwegischen Winterlandschaft frei. Gerade ist er dafür zum Bürger des Jahres gekürt worden, da erreicht ihn die Nachricht, sein Sohn sei an einer Überdosis Heroin gestorben. Nils glaubt nicht an die offizielle Todesursache und beginnt eine heimliche Suche nach den vermeintlichen Mördern. Durch einige überraschende Wendungen wird er zu einem knallharten, gefürchteten Helden der Unterwelt, dessen Identität niemand kennt. Blutig-schwarze Komödie voller großer Bilder einer winterlich-weißen, schier endlos wirkenden Landschaft, die Nils für seine Zwecke zu nutzen versteht. Mit schwarzem Humor schildert der Film Nils' Aktivitäten im Gangstermilieu, das von den fein nuanciert gezeichneten Mentalitäten schwedischer, norwegischer und serbischer Mafiosi geprägt ist. Mit dabei ist auch Bruno Ganz als serbischer Mafiaboss. Kraftidioten vereint erneut Regisseur Hans Petter Moland, Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson und Schauspieler Stellan Skarsgård. (Text: Berlinale 2014)
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