KRITIK

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kommenden Tage, Die Wer nach Meilensteinen des Science-Fiction-Films forscht, wird sicherlich über die Namen Fritz Lang (Metropolis, Frau im Mond), Paul Wegener (Der Golem, 1920) oder Georg Wilhelm Pabst (Die Herrin von Atlantis, 1932) stolpern. Vor dem zweiten Weltkrieg führte in Punkto Science-Fiction-Meisterwerk kein Weg an den gesellschaftskritischen Utopien aus Deutschland vorbei. Nach dem zweiten Weltkrieg, vor allem in den Jahren 1964 bis 1987, war das Genre allerdings fest in US-amerikanischer Hand. Produktionen aus Deutschland wurden so selten, je häufiger neue Filme aus Hollywood über den großen Teich schwappten. Erst recht mit der Entstehung der Archetypen Science Fiction, Horror und Fantasy, die das Genre bis heute prägen.

Lars Kraume versucht mit seinem Film, seiner gesellschaftspolitischen Utopie, an die großen Vorkriegsfilme aus Deutschland anzuknüpfen. Auch er bedient sich nicht eines veritablen Enteignungsrituals in Form einer fremden Bedrohung (Aliens, Wissenschaftler etc), um von den Ängsten einer Gesellschaft zu erzählen. Kraumes Bedrohung kommt von „innen“. Bereits diesem Vorhaben gebührt großer Respekt.

Lars Kraumes deutsche Dystopie startet im Jahr 2012: Im Nahen Osten bricht erneut ein Ölkrieg aus. Europa verbarrikadiert sich südlich der Alpen, wo es einen martialischen Schutzwall errichtet und hinter dem es keine Gesetze und jede Menge afrikanische Flüchtlinge gibt. Im Land selbst werden die Lebensmittel knapp und die Unruhen immer lauter und heftiger. Eine neue Terrororganisation plant, die allgemeine Verunsicherung noch zu vergrößern und so das System endgültig zum Einsturz zu bringen.

Die gesellschaftspolitischen Entwicklungen werden anhand unterschiedlicher Lebenswege zweier Anwaltstöchter aus Berlin porträtiert. Laura Kuper (Bernadette Herrwagen) schreibt an ihrer Doktorarbeit im Fach Soziologie über Darwin. Sie träumt von der großen Liebe, einem Häuschen im Grünen und von vielen Kindern. Als sie auf den Anwalt und Hobby-Ornothologen Hans (Daniel Brühl) trifft, scheint ihr Glück zum Greifen nah. Eine diametral andere Vorstellung vom Leben hat Lauras Schwester Cecilia (Johanna Wokalek). Cecilias große (Studenten)Liebe Konstantin (August Diehl) treibt die politisch aktive Studentin in die Abgründe des neu aufkommenden Terrorismus. Sie schließt sich einer ausländischen Gruppierung mit dem wohlklingenden Namen „Schwarze Stürme“ an und nimmt nach außen hin nur noch oberflächlich am Leben teil. Als sich wenig später herausstellt, dass auch ihre kleine Schwester ein Verhältnis mit dem dandyhaften Konstantin hat, weil Hans keine Kinder zeugen kann, steht nicht nur die Schwesterbande, sondern auch die ganze Familie vor dem Zerfall.

Bereits zu diesem Zeitpunkt sind die Fragezeichen hinter den Fragen, die jedem Zuschauer und jeder Zuschauerin in den Sinn kommen müssen, so groß, dass diese sich wie Brandmale über den gekonnt schäbigen Look und das clevere Setting des Films legen. Warum beispielsweise verfallen diesem dandyhaften Konstantin, einer peinlichen Kopie der Hauptfigur Malcom McDowell aus Kubricks „Clockwork Orange“ gleich zwei intelligente Frauen? Die Frage beantwortet das Drehbuch ebensowenig wie die Frage nach der Stellung der Frau zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Hier wird sie als willfährige Erfüllungsgehilfin skizziert? Er kämpft bzw forscht und Sie kümmert sich um Haus und die Familie? Diese Charakterzeichnungen werden in zwei unterschiedlichen Modellen untergebracht.

Kraumes (Drehbuch)Entwurf, sichtlich angelehnten an Viscontis dekadente Gesellschaftsporträts aus den 60ern, überzeugt weit mehr als dessen Figuren. Allzu deutlich handelt es sich bei Kraumes Figuren um Chiffren – hier der Revolutionär, dort der „Erhalter“ des Lebens. Eine ganze Protestbewegung lässt er willenlos von diesen gelangweilten Bürgerkindern lenken.

Regisseur, Autor und Produzent Kraume spiegelt in seiner Dystopie das familiäre Melodram – und umgekehrt. Doch auch über den Terrorismus-Erzählstrang gelingt die Verknüpfung dieser beiden Erzählebenen nicht. Es läßt sich keine plausible Erklärung erkennen, warum die verschiedenen Topoi des Films in eine Geschichte gepresst wurden. Und wohin die Reise geht, lässt der Regisseur ebenso offen. Zwar gibt es ein paar Andeutungen, dass ein Zurück zur Natur vielleicht gut wäre. Doch bei ihm ist es wohl eher eine Natur, die ohne Menschen auskommt.

Auch wenn er sich kräftig bei der Creme der deutschsprachigen Film- und Theaterszene bedient – die Rollen sind allzu nahe liegend (und wenig herausfordernd) besetzt – bleibt sein Film ein Ärgernis. Und das liegt nicht nur an der Vorschlaghammer-Didaktik seiner Lebensentwürfe.



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INHALT

Deutschland in den nächsten Jahren. Die Schwestern Laura und Cecilia sind sehr unterschiedlich. Laura versucht sich an einer kaum mehr existierenden Bürgerlichkeit festzuhalten, will unbedingt eine Familie gründen, inkl. Kind und fürsorglichem Ehemann. Cecilia driftet in den Terrorismus ab. Um sie herum toben gewalttätige Kämpfe zwischen Demonstranten und Polizisten und zwischen Arm und Reich. Die Zivilisation bröckelt. Und dass sich Laura mit dem Freund ihrer Schwester einlässt und schwanger wird, sorgt zusätzlich für ein privates Waterloo.
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Eure Kritiken zu kommenden Tage, Die

  1. Eliza

    Ich bin hier etwas anderer Meinung. Selten hat mich in letzter Zeit ein deutscher Film so berührt und gefesselt wie Lars Kraumes Science-Fiction-Drama. Als Filmliebhaberin lasse ich Sci-Fi-Filme normalerlweise aus, weil mir die Zukunftsszenarien kaum genug Unterghaltungspotential bieten aber in diesem Fall beeindruckt der atmosphärisch dichte Film und die herausragenden Darsteller auf ganzer Linie.

  2. tine

    Beklemmend .. Man wird unweigerlich hineingezogen in dieses mögliche Szenario unser nahen Zukunft. Ohne grosse SpecialEffects, einfach nur durch Momentaufnahmen der Aussenwelt (Verkehr, Stadtbild, Gebäudesicherung) Nicht zuviel lesen vorher, einfach anschauen. Ich fand ihn klasse …

    Und wenn man dann das Kino verlässt, nachts, auf die vollen Innenstadtstrassen, Polizeieinsätze, Menschen, die in Mülleimern wühlen … lässt die Beklemmung nicht nach.
    Ich stimme meiner Vorrednerin in allen Punkten zu.

  3. Daniel

    Wokalek die Revoluzzerin, Brühl der Öko-Fuzzi, Diehl der Dandy – wie spannend! Wo ist da der Mut? Sowohl der Mut der Castingverantwortlichen, somit auch der des Regisseurs und der Produzenten. Wer winkt solche Drehbücher durch die Förderung? Dichte Atmosphäre und Beklemmung hin oder her, das kann ich auch bei einem nächtlichen Spaziergang durch die Stadt haben – dafür muss ich aber keine hunderttausende Fördergelder locker machen. Gelder, die ich durch meine Steuern mitfinanziere – bitte mehr Mut, liebe Verantwortlichen!

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