KRITIK

Knowing

Knowing Tragödien, Unglücke, Prophezeiungen. Wer sich immer schon gefragt hat, warum Science-Fiction Filme immer dunkel, düster und bedrohlich sein müssen, bekommt hier die passende Antwort. Und zwar von Regisseur und Drehbuchautor Alex Proyas („I, Robot“): Natürlich, weil sonst die Fallhöhe für Figuren vom Schlage eines John Koestler viel zu gering wäre und mehr noch, weil es diese Heldenfiguren sonst gar nicht erst geben würde. In diesem Fall ist John Koestler eine Heldenfigur, die zwar nicht die Welt retten, aber zumindest ihren Untergang vorhersagen kann. So viel zur Hollywood-Fassung.

Eine europäische Version eines Endzeit-Dramas kommt da sehr oft ohne die typische Heldengeschichte aus. Wie zum Beispiel die sehr ähnliche aber qualitativ viel bessere Endzeit-Parabel „Diese Nacht“ von Werner Schroeter. Der Theater-, Opern- und Filmregisseur schickt eine Romanfigur durch die Nacht, in Gestalt von Ossorio, der nur raus will aus der bereits zerstörten Stadt. Nein, das geht in einem Hollywood-Film nicht, Hollywood braucht Helden. Und natürlich ist John Koestler, gespielt von Nicolas Cage in dieser Hollywood-Version einer Endzeit-Parabel ein Held. Koestler ist es, der die geheimen Zeichen des Untergangs entschlüsselt, er ist es, der sich den außerirdischen Besuchern in den Weg stellt. Nur eines darf ein Held nicht: Er darf nicht provozieren. Dieser Punkt ist sehr wichtig in einem Hollywood-Film: Die Besucher dürfen nicht kopfschüttelnd aus dem Kino entlassen werden. Sie dürfen sich nicht „verschaukelt“ fühlen. Also ist es nicht der Astro-Physiker Koestler selbst, der zum Retter der Menschheit wird, sondern, so viel darf man verraten, sein Sohn.

Dass Caleb Koestler (Chandler Canterbury) natürlich überdurchschnittlich begabt aber Halbwaise ist, gerne den Discovery-Channel im Fernsehen sieht und Vegetarier werden will, Vater John abends zur Flasche greift um den plötzlichen Unfall-Tod der Mutter zu verarbeiten und aus diesem Grund nur zum Arbeiten das Haus verlässt, darf man diesem Genre-Film noch verzeihen. Des Zuschauers Glaubwürdigkeits-Toleranzgrenze wird jedoch arg strapaziert, wenn Astrophysiker Koestler einem 50 Jahre alten Manuskript auf die Schliche kommt, die schriftlich festgehaltenen Vorhersagen richtig deutet, um sich dann anonym bei der Polizei zu melden mit der Bitte, dass die Ordnungshüter doch bitte zwei Straßenzüge sperren mögen, weil in wenigen Stunden ein Unglück geschieht. Klappe, Kopfschüttel, die erste. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Sowohl im Film selbst, als auch mit der Inszenierung. Typische Thriller-Elemente werden eingestreut, angefangen von den bedrohlich anmutenden, später nur noch nervigen Klangteppichen von Filmmusikkomponist Marco Beltrami, bis hin zu den zahlreichen bleichen Weltraumbesuchern, die teil- und regungslos in der Gegend herumstehen und für den nötigen „Thrill“ sorgen sollen. Klappe, Kopfschüttel, die zweite.

Alex Proyas, Spezialist für düstere Zukunftsvisionen und Videothekenklassiker wie „The Crow“ und „Dark City“, misslingt die Gratwanderung, mit „Knowing“ eine sowohl visuell als auch inhaltliche ansprechende Desaster-Allegorie mit einer großen Portion Action auf Höhe der Zeit zu inszenieren. Zugegeben, sein Endzeitthriller fesselt in ganz wenigen Momenten, visuell bleiben die Zerstörungsorgien der letzten Viertelstunde etwas länger haften als die Halbwertszeit eines Nachhauseweges. Doch sein absurd konstruiertes Mystery-Drama, das wieder einmal die Fragen nach dem Ausgeliefertsein und der Hoffnung des Überlebens der Menschheit stellt, vermochten andere Regisseure weit weniger überambitioniert aber qualitativ weitaus besser zu beantworten. Danny Boyles unterschätzter Sci-Fi-Thriller „Sunshine“ gehört ebenso dazu wie Luc Bessons „Le dernier combat“ oder Stanley Kramers Nuklear-Drama „On the Beach“.



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INHALT

Astrophysiker Koestler entdeckt Schockierendes. Eine 1959 ver- und gerade ausgegrabene Zeitkapsel enthält Zahlenreihen, die die größten Katastrophen der letzten 50 Jahre mit Zeit, Schauplatz und Opferzahl exakt voraussagen. Weil drei Ereignisse noch nicht eingetroffen sind, versucht Koestler zu warnen und gerät damit ins Zentrum von Tod und Zerstörung. Wohin sein Weg führen wird, ahnt er genauso wenig wie die Bedeutung seines Sohns für den Masterplan unheimlicher Männer, die nicht nur den Code, sondern auch seine Konsequenzen kennen.
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Eure Kritiken zu Knowing

  1. RobbyTobby

    Ja, der Film ist ein Ärgernis. Nach dem Abspann war ich sogar richtig wütend. Was sollen diese esotherischen Grundzüge in einem Hollywood-Film, was hat so eine überzogene Charakterzeichnung in einem Science-Fiction Film zu suchen? Nicolas Cage wird nicht mehr abverlangt, als seine berühmte bedrohliche Miene mit den Grübchen zwischen den Augenwinkeln aufzusetzen. Und der Rest der Besetzung bleibt so blass wie die außerirdischen Bewohner, dis zwar jedes Wort verstehen aber sage und schreibe keine einzige Silbe von sich geben dürfen.

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