KRITIK

Knerten traut sich

Plakat zum Film Knerten traut sichHier spricht wieder Kapitän Knerten. Wir hatten ein paar Turbulenzen wegen einer Fliege im Triebwerk. Aber alles ist wieder in Ordnung. Schnallen Sie sich an und machen sich bereit für einen Tag im Laden.“ Wer den ersten Teil der Knerten-Reihe „Mein Freund Knerten“ (2009) von Asleik Engmarks gesehen hat, der dürfte eine große Portion Vorfreude für diesen Film mit im Gepäck haben. Der ersten Verfilmung des gleichnamigen norwegischen Kinderbuchklassikers von Anne-Catharina Vestly war es eindrucksvoll gelungen, die Phantasie eines Sechsjährigen in glaubhafte Bilder zu übersetzen. Eine Umsetzung, dessen hohe Qualität so nötig ist, weil der Zuschauer mit den Augen des erst sechsjährigen Lillebror einen sprechenden Ast kennenlernt, der für ihn erst zum Freund und später zum Vertrauten wird. Im zweiten Teil der bislang dreiteiligen Knerten-Reihe muss diese Phantasie allerdings einer nur mäßig spannenden Detektivgeschichte weichen. Und dessen müde Kalauer werden bestenfalls bei den Allerkleinsten einige Lacher herauskitzeln.

Szene aus dem Film Knerten traut sichDer zweite Teil mit dem schönen Originaltitel „Knerten gifter seg“ schließt fast nahtlos an seinen Vorgänger an: Lillebror (Adrian Grønnevik Smith) hat sich inzwischen mit seiner Familie auf dem Lande eingelebt. Mit seinem Freund Knerten stets an seiner Seite, gilt sein Interesse nun einem Fahrrad, das im Shop der Mutter frisch ausgepackt im Schaufenster steht und richtig klasse aussieht. Das ist allerdings nichts für den sprechenden Ast Knerten, der viel mehr Interesse an einem Birkenzweig namens Karoline zeigt, die plötzlich in den Händen von Lillebrors Schulfreundin Vesla (Amalie Blankholm Heggemsnes) auftaucht. Aufmerksamkeit und detektivischer Spürsin werden dann allerdings von allen verlangt, als Lillebrors Mama aus mysteriösen Gründen vom Fahrrad stürzt und schwer verletzt in einem Graben landet. Ausgerechnet jetzt ist Lillebrors Vater auf einer einwöchigen Geschäftsreise, um seine Strümpfe an den Mann bzw. an die Frau zu bringen.

Szene aus dem Film Knerten traut sichLillebror ist sich sicher, dass mehr hinter dem Unfall seiner Mutter steckt. Er macht sich auf detektivische Spurensuche und findet ein Stück eines Auto-Blinkers. Sollte der Blinker von einem Tatwerkzeug stammen? Von einem Auto, dessen Fahrer oder Fahrerin ohne Nachricht den Unfallort verlassen hat? Wer könnte so etwas nur tun? Weil auch die Polizei den Fall nicht sehr heiß findet, müssen Lillebror, Vesla, Knerten und Karoline auf eigene Faut ermitteln.

Szene aus dem Film Knerten traut sichWie schon im ersten Teil übernahm Drehbuchautorin Brigitte Bratseth die schwierige Aufgabe, die erfolgreiche Kindergeschichte von Anne-Catharina Vestly in phantasievolle und kindgerechte Bilder zu übersetzen. Von der dramaturgischen Zurückhaltung des ersten Teils ist im zweiten keine Spur mehr. Im Gegenteil. Bratseht nahm sowohl die Detektivgeschichte als auch die Romanze zwischen Knerten und Karoline mit in den Film. Ein Fehler, wie sich am Ende herausstellt. Denn zusammen mit den zahlreichen Animationen verliert der Film seinen Schwerpunkt und seinen Charme. Zudem tauchen im Verlauf des detektivischen Erzählstrangs so viele überzeichnete Charaktere auf, dass nicht nur die jüngsten Zuschauer den Überblick verlieren dürften. Und zu allem Überfluss werden diese von ihren Darstellern auch noch bis an den Rand der Karikatur überzeichnet.

Szene aus dem Film Knerten traut sichIm Vergleich zum hervorragenden Erstling fällt „Knerten traut sich“ deutlich ab. Neu-Regisseur Martin Lund setzte mehr auf die Abteilungen Klamauk und Komik. Angestrengt kokettierte er mit Vorbildern wie Kaurismäki (Figuren) oder den Coens. Doch ihm fehlt deren Sinn für Timing und deren subtiler Humor. Alles ist zu temporeich erzählt, zu ungenau, zu verspielt. Es fehlt aber vor allem: Am kindgerechten Witz. Die kleinsten werden vielleicht noch ein wenig über die fliegenden Gegenstände lachen, die etwas größeren über die klamaukigen Figuren. Aber wirklich lustig ist das alles nicht. Martin Lund verliert in diesem Sammelsurium das Wichtigste aus den Augen: den Charme und die phantasievoll zurückhaltende Figurenzeichnung, die den ersten Teil auszeichneten. 



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