KRITIK

Klitschko

Kinoplakat zum Film KlitschkoVitali und sein jüngerer Bruder Wladimir Klitscho sind die ersten Brüder im Schwergewichts-Boxsport. Und sie sind die erfolgreichsten Boxer des jungen 21. Jahrhunderts. Viele Deutsche haben die beiden Brüder in ihr Herz geschlossen, bis zu 60.000 Fans pilgern in die Stadien, um einen Klitschko boxen zu sehen. Doch wer sind diese promovierten Doktoren, die vier Sprachen sprechen? Wo kommen sie her und wie sind sie so weit gekommen? Und werden sie wirklich ihr Versprechen ihrer Mutter gegenüber einhalten, niemals gegeneinander zu kämpfen? Der deutsche Filmemacher Sebastian Dehnhardt, Geschäftsführender Gesellschafter der Firma Broadview und seit 1992 als Regisseur und Autor („Hitlers Helfer“) tätig, wollte für seinen ersten Kinofilm mehr über die Brüder herausfinden. „Ich wollte hinter die Kulissen schauen, wollte von den Brüdern an die Hand genommen werden, um hinabzusteigen in die Katakomben der Sportkathedralen und in die der menschlichen Psyche, die beim Boxen oft so ausschlaggebend ist.

Es sind seine hohen Ambitionen, an denen der Film scheitert. Auch. Denn zudem fehlt dem Film von Sebastian Dehnhardt journalistische Distanz. Bereits der Einstieg gibt eine Vorahnung über das, was in den nächsten 110 Minuten passieren wird. Oder eben über das, was nicht passieren wird. In den ersten Szenen wird ein Boxring aufgebaut. In der Schalke-Arena. Die Kamera begleitet jedes Holzbrett, das sich wie von Geisterhand auf das zuvor zusammengebaute Gitter legt. Was nicht passt, wird passend gemacht. Jede Schraube sitzt. Eine Metapher? Pathetische Musik erklingt. Dazu der Schriftzug „Klitschko“. Schnitt. Die Kamera begleitet Wladimir Klitschko auf seinem Weg durch das alte Elternhaus der Klitschkos in der Ukraine.

Szene aus der deutschen Dokumentation KlitschkoNatürlich gibt es auch Momente, Szenen, die Nähe vermitteln wollen, die einen Blick hinter die Fassade riskieren. Doch leider gibt es davon viel zu wenige. Eine der wenigen ist ein Besuch in Tschernobyl, wo der Vater einst stationiert war. Wladimir berichtet, wie er in den verseuchten Pfützen mit Papierbooten gespielt hat. Oder eine andere erhellende Szene mit Aufklärcharakter ist eine Kamerafahrt über eine Photocollage. Wenn Vitali zum ersten Mal in die USA kommt, mit neongrüner Baseballkappe auf dem Kopf schräg in die Kamera grinst und dazu aus dem Off sagt: „Ich hatte das Gefühl, einen Eimer Coca Cola austrinken zu können.“ Das alles ist nett, sympathisch, vor allem nett anzuschauen aber eben nicht ehrlich. Die Klitschkos führen den Taktstock, Sebastian Dehnhardt führt die Kamera. Über zwei Jahre hat der Filmemacher die Klitschkos beim Training beobachtet, ist mit ihnen nach Hause gereist und in die USA. Tolles Material. Zahlreiche Interviews wechseln sich ab mit Videoaufnahmen aus der Jugend, mit zahlreichen Szenen aus aktuellen Kämpfen und Szenen aus den Trainingsessions.

Einige Boxexperten kommen zu Wort, der Sportjournalist Helmut Schmerzer beispielsweise, mittlerweile 72 Jahre alt, den die ZEIT mal den „Doyen der deutschen Sportjournalisten“ bezeichnet hat. Oder frühere und aktuelle Trainer, die ein paar Anekdoten aus gemeinsamen Trainingszeiten schmunzelnd vortragen. Das ganze Leben soll ein Film sein. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Dramaturgisch wabert der Film durch die Zeit. Eine Dramaturgie ist nicht erkennbar. Dazu passt auch die schnell nervtötende Kaufhaus-Musik, die alte Videoaufnahmen, Kamerafahrten durch Photoalben oder – und das durfte keinesfalls fehlen, den Einzug der Gladiatoren in die Arena musikalisch unterstützt. Nein, schwierige Kindheit, Brüderliebe, Sowjet-Vergangenheit, Tschernobyl, alles schön und gut, es bleibt ein Film auf Halbdistanz, denn etwas fehlt: Alles, was einen guten Dokumentarfilm ausmacht, eine journalistische, kritische Distanz, Objektivität, eine erkennbare Dramaturgie, …



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INHALT

Das ganze Leben der Profi-Box-Brüder Vitali und Wladimir Klitschko als Film. Vom ukrainischen Armee-Stützpunkt nahe Tschernobyl über Hamburg bis in die USA. Homevideos, Ankedoten, Interviews und zahlreiche Szenen aus den Kämpfen des erfolgreichsten Brüderpaares im Profi-Boxsport.
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Eure Kritiken zu Klitschko

  1. Udo

    Also, ich bin großer Boxfan und mir hat der Film ganz wunderbar gefallen. Ich fand die Dokumentation auch nicht zu verfärbt oder einseitig. Im Gegenteil, die sehr privaten Szenen aus der Kindheit, die offenen Worte von beiden Akteuren und die sehr mitreißenden Szenen mit den Niederschlägen aus den Boxkämpfen fand ich schon sehr mutig. Wer ein Boxfan ist, der sollte sich diese packende Dokumentation nicht entgehen lassen.

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