KRITIK

Klasse, Die

Klasse, Die Kino und Pädagogik, das ist nicht selten eine Mesalliance. Laurent Cantets Film „Die Klasse“ aber, der im Original trefflicher, klaustrophischer „Entre les murs“ (zwischen den Mauern) heißt, ist ein Sozialkrimi, dessen dokumentarischer Ton einen ganz unmittelbar trifft. Man wohnt fast ausschließlich dem Unterricht des jungen Französischlehrers François bei, der eine Klasse überwiegend aus Migrantenkindern unterrichtet. Der Film basiert dabei auf dem Sachbuch des Lehrers François Bégaudeau, der sich hier, mit staunenswertem Talent, selbst spielt, wie auch die Schüler durch die Bank von begabten Laien verkörpert werden. „Die Klasse“ lebt gänzlich von den bisweilen erschöpfenden, aber auch feurigen Auseinandersetzungen zwischen dem engagierten Pädagogen und den verunsicherten, 14-, 15-jährigen Pubertierenden. Er zeigt, wie aus kleinen Missverständnissen gewaltige Probleme erwachsen können.

Es ist kein Rütli-Albtraum der totalen Eskalation, den Cantet hier ins Bild setzt. Die Schule liegt im 20. Arrondissement. Ein Problem-Kiez, sicher, aber nicht die Banlieu. Es könnte, das deutet der Regisseur an, viel schlimmer kommen. Schon hier aber geraten die Lehrer, aus deren Perspektive der Film erzählt ist, fortwährend an Grenzen. Ein Kollege mit Fach Geschichte schlägt François einmal vor, ob man den Stoff nicht abstimmen könne, ob er nicht im Französischunterricht Voltaires „Candide“ durchnehmen wolle. Ein Hohn, wo doch die Schüler schon verständnislos vor dem „Tagebuch der Anne Frank“ sitzen.

Aus täglichen, unspektakulären Scharmützeln macht Cantet („Auszeit“, „In den Süden“) eine große Tragikomödie, die im Fall eines Schülers gipfelt, dem der Ausschluss droht. Da wird deutlich, wie wenig Lehrer und Schüler eigentlich voneinander wissen, wissen können.

Es hat in der Vergangenheit immer wieder, zumal aus Frankreich, bedenkenswerte und berührende Appelle an die Ideale der humanistischen Bildung gegeben, etwa Nicholas Philiberts „Sein und Haben“, oder Bertrand Taverniers „Es beginnt heute“. Aber Cantet befeuert die Diskussion um Vermögen und Ohnmacht der Erziehung noch einmal völlig neu.

Am Ende des Schuljahres fragt Bégaudeau die Jungen und Mädchen, was sie gelernt hätten, was ihnen besonderen Spaß gemacht habe. Französisch nennt kein einziger als Lieblingsfach. Einer versucht stammelnd, den Satz des Pythagoras auf die Reihe zu bekommen. Andere sprechen von Experimenten im Chemieunterricht, bei denen Flüssigkeiten die Farbe gewechselt hätten. Und eine Schülerin bekennt, als alle anderen schon gegangen sind, sie habe nichts gelernt, rein gar nichts, was François kaum glauben mag. Fassungslos ist er, aber Resignation gestattet er sich auch jetzt nicht. Nach den Sommerferien wird alles von vorne losgehen. Das letzte Bild gehört den leeren Stühlen.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Der junge Französischlehrer Francois unterrichtet an einer Schule in den Banlieus, wo er auf Schüler trifft, die noch nie in ihrem Leben ein Buch gelesen haben und im Zweifelsfall sauber gesprochenes Französisch nicht einmal verstehen. Der idealistische Francois lässt sich davon nicht entmutigen und greift bisweilen auch zu krassen Methoden, um zu seinen Schülern durchzudringen.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*