KRITIK

Kiss the Cook

Bild (c) Studiocanal.

Bild (c) Studiocanal.

Filme, in denen mit Liebe Essen zubereitet wird, können per se wenig falsch machen, denn zumindest auf der visuellen Ebene ist nichts einfacher, als das Publikum über delikat in Szene gesetzten Gaumenschmaus den Mund wässrig zu machen. Jon Favreaus Herzensprojekt „Kiss the Cook“ hat allerdings noch viel mehr Ebenen, um den Zuschauer zu begeistern.

Carl Caspers (Jon Favreau) Karriere könnte nicht besser laufen: Er ist Chefkoch eines angesehenen Sterne-Restaurants in Los Angeles. Sein Privatleben hingegen hat Carl wegen seines leidenschaftlichen Einsatzes in der Küche vernachlässigt – seine Ehe mit Inez (Sofia Vergara) ist in die Brüche gegangen und das Verhältnis zu seinem Sohn Percy (Emjay Anthony) ist auch nicht das beste. Als Carl nach einem Streit mit einem renommierten Restaurant-Kritiker seinen Job verliert, ist er zunächst am Boden zerstört. Doch schließlich begreift er den Zwischenfall als Möglichkeit für einen Neubeginn. Kurzerhand renoviert er mit der Hilfe eines ehemaligen Kollegen einen Food Truck und fährt gemeinsam mit ihm und Percy durch das Land, um den Menschen SEINE Speisen zu kredenzen …

Ja, wer hat nicht schon einmal davon geträumt, auszusteigen, und dem Alltag ein für alle Mal den Rücken zu kehren? Dieses Szenario steht auf der Bucket-List vieler, deren Freiheitsdrang sie in regelmäßigen Abständen überkommt. Für genau diese Leute ist „Kiss the Cook“ ein unvergleichlicher Augen- und irgendwie auch Gaumenschmaus. Denn Regisseur Jon Favreau hat mit seinem Feel-Good-Movie das inszeniert, was im neudeutschen Volksmund zuweilen als „Food Porn“ bezeichnet wird. Für satte zwei Stunden setzt er die atemberaubendsten Köstlichkeiten so stilsicher in Szene, dass sich das Kinoerlebnis mit leerem Magen nur schwer durchstehen lässt. Doch eigentlich ist „Kiss the Cook“, der im Original den simplen Titel „Chef“ trägt, nicht in erster Linie ein Film übers Kochen, sondern eine Art Selbstportrait und Kritikerabrechnung von Jon Favreau höchstpersönlich. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Sternekoch, der nach mehr strebt als nach der Zubereitung von Restaurant-Einheitsbrei und sich zugleich nicht mit dem Gedanken abfinden möchte, dass kreativ-ausgefallene Küche und der buchstäbliche Massengeschmack nicht miteinander kombinierbar sind.

CHEF_08850.NEFUnd bei genauerem Hinsehen erkennt man ihn auch hier: den Werdegang des Filmemachers. Nach Blockbustern wie „Iron Man“ und „Iron Man 2“ hatte Favreau den Ruf des Bombast-Regisseurs inne, was es ihm bisweilen schwer machte, den Studiozuspruch für kleinere Projekte zu erhalten. „Kiss the Cook“ wird jetzt zu einer Art Befreiungsschlag. Sein mit allerhand Kritiker-Seitenhieben gespickter Film verschlang nicht einmal ansatzweise das Budget eines Multimillionenblockbusters wie „Iron Man“, bewies sich dafür am internationalen Boxoffice und bestätigte Jon Favreau in seiner Vision. Und obwohl der Filmemacher kaum ein gutes Haar an den vermeintlich professionellen Bewertern von Kunst und Kultur lässt, zeigte sich auch ebenjene kritische Zuschauerschaft wohlwollend. Favreaus kulinarischer Sommerfilm ist ein Fest für die Sinne, das mit viel Witz und Charme ein Plädoyer für die Leidenschaft am Kochen, vor allem aber für die Liebe zum Leben hält.

Jon Favreau ist ein Mann der Passion. Um dies zu unterstreichen, hat er es sich nicht nehmen lassen, neben der Produktion und Regie auch direkt die Hauptrolle seines Filmes zu übernehmen. Dafür lernte der Regisseur wochenlang bei echten Food-Truckern, um sich die Atmosphäre in diesen faszinierenden Mini-Küchen anzueignen. Dieses Produktions-Engagement ist kaum zu übersehen: „Kiss the Cook“ ist nicht nur visuell voll von leidenschaftlicher Brillanz, sondern trumpft obendrein mit einer Authentizität auf, die im schmalbudgetierten Wohlfühlkino kaum mehr anzutreffen ist. Kameramann Kramer Morgenthau („Thor – The Dark Kingdom“) taucht seine Bilder in ein exotisches Feeling, das die pulsierende Stimmung des Films direkt auf den Zuschauer überträgt. Da wundert es kaum, dass ein großer Teil des Einspiels außerhalb der USA aus dem Land kommt, dessen Lebensphilosophie am ehesten mit der innerhalb des Films übereinstimmt.

Favreau hantiert zwischen mexikanischem Temperament und kubanischer Leidenschaft, um seiner Tragikomödie ein breit gefächertes Emotionsspektrum beizumessen. Dieser Versuch geht auf: Sein Wohlfühlfilm ist zwischen den Zeilen ein herausragendes Plädoyer für Völkerverständigung und Zusammenhalt, ohne dabei auf abgegriffene Binsenweisheiten zurückzugreifen.

So aus dem Leben gegriffen das Feeling von „Chef“ ist, so bodenständig sind auch die Figuren. Hollywood-Tausendsassa Favreau fühlt sich in der Rolle des Sternekochs sichtlich wohl. Sein Carl Casper ist ein Mann, der sich nach einer Twitter-Rangelei mit einem Restaurantkritiker sämtlichen klassischen Karrierewegen entsagt und via Food-Truck kurzerhand sein eigenes Ding durchzieht. Favreau verleiht seiner Rolle etwas Zerbrechliches; Carl ist voller Tatendrang, steht über den Dingen und nimmt sich die Worte der ihn verachtenden Rezensenten dennoch zu Herzen. Dabei will er kein Mitleid: Carl möchte mit seinen Taten überzeugen, appelliert aber an den Respekt der Umstehenden. So behält „Kiss the Cook“ einen beschwingten Grundton bei, auch wenn der Film zugleich eine ganze Berufsgruppe an den Pranger stellt.

CHEF_08612.NEFFavreau, der auch das Drehbuch schrieb, fragt offen: „Was für ein Recht nehmen sich Kritiker heraus, über die Werke anderer zu urteilen, wenn sie es selbst doch nicht besser können?“ Diese Frage stellten in der Vergangenheit immer wieder einzelne Filme, doch anders als es in diesem Jahr bereits „Birdman“ mit nachdrücklicher Aggressivität versuchte und dafür nicht umsonst diverse Filmpreise einheimste, orientiert sich Jon Favreau lieber an dem Pixar-Meisterwerk „Ratatouille“. Favreau stellt sein Unverständnis zwar nicht in den Schatten, doch er lässt beide Seiten zu Wort kommen und zeigt ehrliches Interesse, anstatt zu verurteilen. So ist sein Film zwischen den Zeilen auch eine hochinteressante Charakterstudie, die auch an der Oberfläche überzeugt.

Vom Staunen über die kulinarischen Raffinessen, die zum Großteil direkt vor der Kamera zubereitet werden, über eine herzzerreißende Familiengeschichte bis hin zur vorsichtigen Kritikerschelte hat Favreau ein vielschichtiges Drehbuch konzipiert, das durch Kurzweil und Enthusiasmus brilliert und dadurch kaum komplett durchfallen kann. Die stark gecasteten Darsteller, die allesamt aus Favreaus privatem Bekanntenkreis stammen, werden da fast zur Nebensache. Scarlett Johansson („Lucy„) verzaubert in einer zuckersüßen Nebenrolle, Sofia Vergara („Wild Card“) darf die charismatische Latina mimen und Robert Downey Jr. („Avengers: Age of Ultron„) kann zwar nicht ganz von seiner Macho-Attitüde lassen, vereinbart diese jedoch ganz hervorragend in seiner kleinen aber feinen Mini-Nebenrolle. Auch Dustin Hoffman („Rain Man“) ist endlich einmal wieder auf der Leinwand zu sehen, geht als Stichwortgeber für Favreaus Figur jedoch fast unter.

Egal. „Kiss the Cook“ ist ein kulinarisch beschwingtes Feel-Good-Erlebnis, ein perfekt besetzter, charmanter Road-Trip mit viel Gefühl, fein komponierten Bildern und einem exzellenten Hauptdarsteller. So schmeckt Kino!

Die ganze Kritik zum Film findest Du bei Antje auf ihrem Blog!

 

 

Kritikerspiegel Kiss the Cook - So schmeckt das Leben



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
Nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Antje Wessels
Wessels Filmkritik
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 





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