KRITIK

kanadische Reise, Die

Plakat zum Film Die kanadische Reise mit zwei Darstellern sitzend auf der Treppe, die an ein See führt.

Bild (c) 2017 Temperclayfilms.

Philippe Lioret (Jahrgang 1955) zählt in Frankreich zu den großen Independentregisseuren und ist mit seinen Werken auch regelmäßig in deutschen Arthouse-Kinos zu Gast. Der mittlerweile zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannte Filmemacher hat sich 2004 mit „Die Frau des Leuchtturmwärters“ erstmals außerhalb seines Landes einen Namen gemacht. Es folgten das Familiendrama „Keine Sorge, mir geht´s gut“ und das sehenswerte Flüchtlingsdrama „Welcome“, für den Lioret u.a. mit dem Friedenspreis des Filmfests Osnabrück und dem Lux-Preis des Europäischen Parlaments ausgezeichnet wurde.

Mit „Die kanadische Reise“ hat Philippe Lioret nun den Roman „Si ce livre pouvait me rapprocher de toi“ (ungefähr: „Wenn mich dieses Buch dir näherbringen könnte“) von Jean-Paul Dubois für die große Leinwand adaptiert. Herausgekommen ist auch hier wieder ein feinfühliges Familienporträt, in dem vieles unausgesprochen bleibt und der Zuschauer eingeladen ist, selbst zu beobachten und seine Schlüsse zu ziehen.

Szene aus dem Film Die kanadische Reise mit Pierre Deladonchamps und Gabriel Arcand auf einer Außentreppe sitzend. Mit 33 Jahren erhält Mathieu (Pierre Deladonchamps aus „Der Fremde am See“) in Paris einen Anruf eines Freundes seines Vaters. Er erzählt ihm, dass dieser gestorben sei und ein Paket für ihn hinterlassen habe. Mathieu weiß, dass er unehelich zur Welt kam und von einem Stiefvater großgezogen wurde. Durch diese Reise nach Kanada erhofft er sich nun aber, auch seine Halbbrüder kennenzulernen, die mit seinem Vater und ihrer Mutter dort als Familie zusammenlebten.

Pierre (Gabriel Arcand), der den Kontakt hergestellt hatte, möchte aber nicht, dass Mathieus Halbbrüder und die Witwe erfahren, wer er wirklich ist. Mathieu versucht dennoch, seine ihm bisher unbekannte Familie kennenzulernen und in den Tagen seines Besuchs an deren Lebensrealität teilzunehmen.

Szene aus dem Film Die kanadische Reise mit Pierre Deladonchamps und Daniel Arcand am Tisch sitzend. Die Ausgangskonstellation der Geschichte kann man durchaus als klassisch bezeichnen, denn es kommt nicht selten vor, dass der Protagonist eines Films auf eine Reise gehen muss, in der er sich oder seine Wurzeln besser kennenlernt. Dennoch wirkt „Le fils de Jean“, wie der Film im Original heißt, an keinem Punkt aufgesetzt oder ausgelutscht. Stattdessen gelingt es Philippe Lioret sehr eindrucksvoll, die Ereignisse sich langsam und organisch entwickeln zu lassen. Der Zuschauer weiß in vielen Szenen mehr als die handelnden Personen, in anderen Szenen meint er vielleicht auch nur, etwas zu ahnen, was noch unter der Oberfläche schlummert und bislang nicht ausgesprochen wurde.

Lioret gibt seinem Publikum immer genügend Hinweise und vielsagende Blicke seiner Charaktere mit auf den Weg, damit sich dieses einen eigenen Reim aus den Vorkommnissen machen kann. Auf diese Weise wird der Film niemals langweilig und erhält sogar eine unterschwellige Spannung, die vom sensiblen Spiel sämtlicher Darsteller überzeugend getragen und am Ende mit einem runden Schluss gekrönt wird. Ab 14.12. im Kino!




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