KRITIK

Kaltes Land

Kaltes Land Ein klarer Fall von gut gemeint, mit dem man es hier zu tun hat: „Kaltes Land“ basiert auf einem Gerichtsprozess, der in den USA der 1980er Jahre für Aufsehen sorgte und den Arbeitsrechten von Frauen dort und auch anderswo insgesamt sehr förderlich war. Die neuseeländische Regisseurin Niki Caro, die mit „Whale Rider“ vor ein paar Jahren einen sehr viel besseren Film gedreht hat, wollte angesichts dieser historischen Bedeutsamkeit die ganz große Geste wagen, weswegen sie ein bis ins Letzte polit-dramatisch aufgeplustertes Anpranger-Movie inszeniert hat, das leider sehr unangenehm plakativ geraten ist.

Ausgehend von der Gerichtsverhandlung (die hier, anders als in Wirklichkeit, nicht über ein Jahrzehnt in Anspruch nimmt, sondern nur sehr kurze Zeit) wird das Leben der (fiktiven) Josey Aimes aufgeblättert, der man ein Liebeslotterleben nachsagt. Die mit den Kindern einen jähzornigen Gatten verließ und dann in einer Mine im wenig heimeligen Minnesota anfing, wo es zum guten Ton gehört, dass alle Frauen regelmäßig gedemütigt, belästigt und gequält werden. Besonders die hübschesten Frauen, zu denen Josey gehört, zumal sie von der oscargekrönten Südafrikanerin Charlize Theron („Head in the Clouds“) gespielt wird.

Ihr Leben könnte uns bewegen, wären nicht ausnahmslos alle Männer in der Mine dumpf-dreckige Sexualschweine, die eine Kollegin mit Dixi-Klo-Jauche besudeln und Josey in Kiesgruben befingern. Die Arbeitermeute ist vom Chef über den Arzt bis zum Kollegen eine derartig karikaturhafte Ansammlung von verabscheuungswürdigen Ohrfeigengesichtern, dass vor lauter Überdeutlichkeit kein Fünkchen Glaubwürdigkeit mehr übrig bleibt. Gewiss, es gibt jenseits der Mine auch nette Männer, aber denen fehlt entweder ein Hoden (Sean Bean aus „Flightplan“ als uhrenreparierender Softie) oder sie werden als „Schwuchtel“ beschimpft, weil sie im Road Stop nicht mit jeder Dahergelaufenen zum Engtanz schreiten (Woody Harrelson aus „After the Sunset“ als müder Anwalt). Natürlich gibt es noch die taffe beste Freundin (undankbare Rolle für die wunderbare Frances McDormand aus „Was das Herz begehrt“), die in der Drehbuchlogik zwangsläufig von der harten Arbeit in die tödliche Krankheit getrieben wird. Außerdem im Angebot: die verhärmten Eltern (Sissy Spacek und Richard Jenkins), die sich mit den Verhältnissen in der Mine abgefunden haben, dann aber im passenden Moment zur Tochter halten. Alles Weitere ist leider ähnlich grob gestrickt und endet folgerichtig in plattestem Solidarisierungskitsch: Am Ende, keine Frage, stehen die Entrechteten vor Gericht alle nacheinander auf, um die Verschwisterung kundzutun. Das mag man so in Hollywood.

Am problematischsten ist jedoch die fragwürdige Doppelmoral des Dramas: Joseys Belästigungsklage gegen den feisten Minenbetreiber hat nur Erfolg, weil sie nachweisen kann, dass sie entgegen aller diffamierenden Gerüchte keine „Schlampe“ ist, sondern – im Gegenteil – als Teenie von ihrem Lehrer vergewaltigt wurde. Eine absurde Wendung. Und was für ein Glück für die internationale Frauenbewegung, dass es damals nicht anders kam. Denn als Belästigte mit Hang zur Vielmännerei hätte sie den moralisch sauberen Prozess garantiert verloren und wäre wohl mit lebenslanger Latrinenreinigung in der Mine bestraft worden. Nein, nein, mit klassischen Arbeiterinnendramen aus Hollywood, wie „Silkwood“ oder „Norma Rae“, hat das hier rein gar nichts zu tun.



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INHALT

Mit ihrem Job in einer Mine soll für die zweifache Mutter Josey nach gescheiterter Ehe ein neues Leben beginnen. Doch mehr als die harte Arbeit zermürben sie die sexuellen Anspielungen und Demütigungen der Männer, die sogar in körperliche Attacken münden. Geschockt zieht Josey vor Gericht, braucht aber die Solidarität ihrer Kolleginnen, um von der Verleumdungsstrategie der Verteidigung nicht überrollt zu werden.
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