KRITIK

Jud suess – Film ohne Gewissen

Am Ende, nach der von Buhrufen begleiteten Pressevorführung auf der diesjährigen Berlinale, nach den Erklärungsversuchen von Regisseur Roehler und Drehbuchautor Richter auf der anschließenden Pressekonferenz, nach dem bizarren Starauftrieb bei der Weltpremiere am gleichen Abend, nach all der Häme, die in den folgenden Tagen über „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ ausgeschüttet wurde, bleibt vor allem die Frage, welchen Film Oskar Roehler überhaupt machen wollte.

Aber der Reihe nach. Im Frühjahr 1940 dreht Veit Harlan den berüchtigtsten antisemitischen Hetzfilm der Nazi-Propaganda – „Jud Süß“ – mit dem gebürtigen Wiener Ferdinand Marian in der Hauptrolle. Joseph Goebbels forciert die Produktion persönlich, modelliert den Film, auch mit der Besetzung Marians, ganz nach seinen Wünschen. Oskar Roehler versucht nun, die Entstehungsgeschichte dieses Machwerks als Pakt mit dem Teufel nachzuzeichnen, den der unbescholtene Darsteller mit dem Regime einging. Vielfach aufgedeckt wurden die historischen Ungenauigkeiten, die sich Roehler bei der dramaturgischen Zuspitzung des Gewissenskonflikts herausnahm.

Wenn es doch nur dabei bliebe – Tarantinos pulpige Rachefantasie der Basterds beispielsweise setzt sich ja genüsslich über die Geschichtsklitterung hinweg. Nein, „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ ist in allen Details sowie im großen Ganzen, von den Darstellerleistungen der meisten Schauspieler, vom schlampig gebauten Drehbuch über die uninspirierte Regie, den jedes Timing vermissenden Schnitt, bis hin zur planlos farbentsättigten Kamera und der unnötig aufgesetzten Bombastmusik ein komplettes Debakel. Kein wohlmeinendes Verzetteln in seinem Anspruch, kein leidlich verstaubtes Geschichtsbuch mit dem Charme eines Telekollegs, kein unfreiwillig komisches, dafür liebenswertes Trashmovie, sondern eine richtige Katastrophe.

Moritz Bleibtreu etwa spielt den Propagandaminister als Karikatur von Sylvester Groths Goebbels-Darstellung in „Mein Führer“ und „Inglourious Basterds“, also wie der dritte Aufguss eines Teebeutels, von dem einzig der rheinische Dialekt und das Hinken, das in einem furchtbar unnötigen Schnitt in Großaufnahme präsentiert wird, als Aroma übrig bleiben. Das Szenenbild scheint wie vom Hinterhof der Augsburger Puppenkiste zusammengeklaubt, und wenn Oskar Roehler seine kreuzbrave, wichtigtuerische Inszenierung für einen seltenen Moment verlässt und Tobias Moretti Gudrun Landgrebe vor dem offenen Fenster einer spektakulären Bombennacht über Berlin vögeln lässt, wirkt dies nur noch wie grotesker Firlefanz.

Das wird einzig und allein davon getoppt, dass Roehler, um schließlich die Eingangsfrage zu beantworten, wahrhaftig bekannte, eine historisch korrekte Aufarbeitung leisten zu wollen. Selten ist ein Ziel spektakulärer verfehlt worden.



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INHALT

Berlin, 1939. Mehr schlecht als recht schlägt sich der gebürtige Wiener Ferdinand Marian in der NS-Zeit als Schauspieler durchs Leben. Seine Chance kommt, als ihm die Hauptrolle in einer Verfilmung von "Jud Süß" angeboten wird. Doch nach dem Studium des Drehbuches zögert er zunächst. Propagandaminister Joseph Goebbels lässt keinen Zweifel daran, dass Marian den Part spielen muss. "Jud Süß" ist wichtig für Goebbels` Pläne und Marian in seinen Augen genau der Richtige. Marian glaubt, die Situation unter Kontrolle zu haben: Seine Frau ist Jüdin. Doch das Spiel mit dem Feuer bleibt nicht ohne Folgen.
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Eure Kritiken zu Jud suess – Film ohne Gewissen

  1. Christian

    Das Urteil `Geldverschwendunng` ist hart. Doch wer für diesen Film eine Kinokarte löst, wird sein Geld verschwenden. Nicht im Ansatz kann man in Roehlers `Jud süß`-Making of, getarnt als Melodram, eine Richtung oder ein Anliegen erkennen. Zu wenig für die Kunst, für eine Kunstform namens Film. Die deutschen Darsteller (allen voran Moritz Bleibtreu als Goebbels) wirken wie Karikaturen und der Film fahrig und ideenlos. 120 verschenkte Minuten. Besser auslassen.

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