KRITIK

Joy – Alles außer gewöhnlich

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

„Sie hat schon seitdem sie klein ist immer irgendetwas gebaut“ schwärmt die Großmutter gleich zu Beginn. Doch nicht Großmama Mimi ist es, die folgende Erfolgsgeschichte ihrer Enkelin, der US-amerikanischen Unternehmerin Joy Mangano, erzählt. Das übernimmt Drehbuchautor und Regisseur David O. Russell gleich selbst – als allwissender Erzähler. Aber die vereinzelt eingestreuten, stolzen Kommentare von Großmutter Mimi aus dem Off – und später gar aus dem Jenseits – passen perfekt in den leicht verklärten (verliebten?) Blick des Regisseurs, sie wirken von Beginn an wie sentimentale Sahne-Baisirs für die nachfolgende, wahre Erfolgsstory über die Erfinderin des „Miracle Mop“, einer scheinbar omni-talentierten Mutter dreier Kinder, die durch Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen zu Ruhm und Reichtum gelangte.

Ob es an der Star-Besetzung oder an der Geschichte selbst liegt, dass David O. Russells Biopic einmal mehr wie eine unausgegorene Mischung aus Soap-Opera, Musical und Erfolgsmärchen anmutet, die Antwort auf diese Frage bleibt jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass sich der fünfach Oscar-nominierte Regisseur seine Besetzung inzwischen  aussuchen kann. Und wenn er ruft, scheinen alle seinem Ruf zu folgen. Wie auch zur Zeit  „Everybodies Darling“ Jennifer ´Katniss Everdeen´ Lawrence. „Joy – Alles außer gewöhnlich“ ist nach „Silver Linings“ und „American Hustle“ nun bereits die dritte Zusammenarbeit des 57-jährigen Regisseurs mit seiner erst 25-jährigen Lieblings-Darstellerin. Wird es auch ihre erfolgreichste?

49E_1_g_r709f553524_R2_700Das darf man nach 124 Filmminuten am Ende stark bezweifen. Denn ständig taucht in dieser Szenenfolge eine weitere Frage auf, nämlich die, welche Geschichte denn der Regisseur eigentlich  erzählen will. Ist es die von Joys Vater Rudy (Robert de Niro), der als Betreiber einer Autowerkstatt und italienischer Schwerenöter nach seiner ultimativen Traumfrau sucht und sich potentielle Kandidatinnen via Telefonagentur zuführen lässt? Oder ist es die von Joys Mutter, die seit ihrer Scheidung ihr Schlafzimmer nicht mehr verlässt, auch um auf keinen Fall eine Folge ihre Lieblings-Daily-Soap zu verpassen.

DF-01648_R_700Apropos Soap. Als Russell die glücklose Ehe seiner Hauptdarstellerin mit dem südamerikanischen Sänger Tony, zugleich  Vater der beiden Töchter (großartig: Èdgar Ramirez), im Schnellverfahren in Form einer „Foto-Love-Story“ nachreicht, und letzterer dann wenig später im Keller des Hauses als Untermieter auftaucht, ist die Besetzung der Soap-Opera komplett. Und wer hält die Fäden in diesem Tohuwabohu zusammen? Klar, Joy, die Hauptdarstellerin. Und wer nimmt die Fäden, das Tohuwabohu als Soap zu inszenieren, dankend auf? Na, zwei Mal dürfen sie raten.

Erst als Bradley Cooper als gewiefter TV-Vermarkter die Bühne betritt, um die Erfindung seiner jüngsten Klientin, den revolutionären Wischmopp, via eigenem Home Shopping Kanal unters Volk zu bringen, schlägt die Inszenierung wieder den glaubhaften Fad ein, den der Film insgesamt so bitter nötig gehabt hätte. Auch mit dem Schnellkurs in Sachen Vertrauen in den Kapitalismus anhand zweier kleiner Szenen erfährt der Film weitere Bodenhaftung. Dafür dürfte sicherlich die titelgebende Joy Mangano selbst verantwortlich gewesen sein, die den Film mit produziert hat.

DF-12541_12542_R_700Hach ja, wem soll man es auch recht machen? Dem Star-Ensemble von Cooper über de Niro bis Rosselini? Der jungen Hauptdarstellerin, die eine Bandbreite von verliebtem Teenie bis zur gerissenen Geschäftsfrau glaubhaft verkörpern muss? Der titelgebenden Hauptfigur selbst, die den Film mit produzierte? Oder gar dem Publikum, das von ähnlichen Biopics wie „Erin Brockovic“ bis „Königin der Wüste“ zahlreiche One-Woman-Shows zur Genüge gesehen hat? Autor und Regisseur David O. Russell hat sich schließlich für „alle“ entschieden und genauso unentschlossen verlässt der Zuschauer am Ende den Kinosaal. Er oder Sie hat ein einfallsreiches, nettes kleines Szenen-Potpourri gesehen bei dem die Hauptfigur am Schluss letztendlich egal wird. Auch wenn Jennifer Lawrence in allen Lebensabschnitten als Joy Mangano natürlich umwerfend aussieht. Interesse geweckt an einer weiteren Recherche oder an ihrer Arbeit hat David O. Russell mit diesem seltsam unausgegorenen Mix aber nicht.

 

Kritikerspiegel Joy - Alles außer gewöhnlich



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Antje Wessels
wessels-filmkritik.com
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*