KRITIK

Joschka und Herr Fischer

Filmplakat Joschka und Herr FischerMit Winfried Kretzschmann stellen die Grünen seit dem 12. Mai 2011 den ersten grünen Regierungschef eines Bundeslandes. Damit sind sie endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kretzschmanns Sieg ist ein großer Erfolg. Aber auch eine große Last. Denn der Wahlsieger hat nun vier Jahre Zeit, um die großen Erwartungen seiner Wähler zu erfüllen. Wie schwer die Last eines Wahlsieges auf den Schultern eines Politikers liegt, davon kann ein anderer, viel bekannterer Grünen-Politiker ein Lied singen. Joschka Fischer. Und das tut er auch. Zwar nicht musikalisch, aber anhand einer Zeitreise durch 60 Jahre Bundesrepublik. In einem Film von Pepe Danquart.

In ein verlassenes Industriegebäude in Berlin, in dem heute die Techno-Diskothek „Tresor“ beheimatet ist, hat der Filmemacher Pepe Danquart („Höllentour“, „Am Limit“) etwa ein Dutzend Monitore, teure Glas-Wände, aufgehängt. Auf diesen Mattscheiben sind Zeitdokumente zu sehen, etwa dreiminütige Kurzfilme, die in einer Endlosschleife von politischen Ereignissen berichten. Darunter sind Szenen aus der „Tagesschau“, Polizeivideos, Mitschnitte von Wahlkampfveranstaltungen und Privatvideos zu erkennen, die viel mit der sog. „Sponti-Szene“ in Hessen der 60er und 70er Jahre sowie mit den ersten Demonstrationen der Grünen (Startbahn West, Wackersdorf, etc) in den 70er und 80er Jahren zu tun haben.

Mit „Ich wollte 60 Jahre Deutschland in 140 Minuten Film unterbringen“, wird Filmemacher Pepe Danquart vor und nach dem Filmstart oft zitiert, „ich wollte keinen Film über Joschka Fischer machen, sondern einen Film über Deutschland.“ Darum wohl auch die vielen Zeitdokumente und Fischers majestätisch inszenierter Gang durch die Industriehalle. Warum der Experte für so hervorragende Sportdokumentationen wie „Höllentour“ oder „Am Limit“ seinen Film aber „Joschka und Herr Fischer“ und nicht „die Sponti-Bewegung in den 60ern bis in die Mitte der Gesellschaft in den Nuller-Jahren“ genannt hat, bleibt nur eine von vielen Fragen, die der Film neben vielen anderen unbeantwortet lässt.

Ein Politiker schreitet durch eine Halle und dokumentiert Kurzfilme. Alle haben etwas mit den Stationen aus seiner Vergangenheit zu tun. Rückfragen gibt es keine. Einen Dialog auch nicht. Wird der angegraute Sponti im Alter etwa zum Weichei? Ein Experte nur dann, wenn es um Entschuldigungen geht? Sie haben sich gut verstanden, ließ Pepe Danquart sein Publikum wissen. Auch er sei ein Sponti. Auch er komme aus der Szene um Frankfurt. Und sie trennen nur wenige Jahre Altersunterschied. Darum also Joschka Fischer. Nur Sieger schreiben Geschichte. Also lässt Pepe Danquart seinen Protagonisten, der seinen Film betitelt, mit respektvollem Abstand schalten und walten. Der Dokumentarfilmer interessiert sich nicht für die Brüche und Abgründe in Fischers Biografie. Flucht, Studentenproteste, Vietnam-Proteste, Deutscher Herbst, Ministeramt, Wiedervereinigung: Alles Stationen Fischers, die mit Interviews von Zeitzeugen ergänzt, aber bestenfalls indirekt in Frage gestellt werden. Wie auch, wenn in diesen Abschweifungen ausschließlich Vertreter linker Milieus (Hans Koschnik, Daniel Cohn-Bendit, Johnny Klinke, Katharina Thalbach) zu Wort kommen. „Ja, das war ein Fehler“ ist die häufigste Reaktion in den begleitenden Kommentaren Fischers zu den Bildern auf den Glasflächen. Joschka Fischer entschuldigt sich. Für seine Unwissenheit in den Jahren als Umweltminister, für die Zeit als Taxifahrer („Ich brauchte Ruhe“) und für seinen aprupten Abgang nach der Wahlniederlage 2005.

Wie spannend doch der Film geworden wäre, hätte nicht dieser füllige, eloquente Ex-Außenminister und heutige Honorarprofessor, sondern ein anderer Zeitzeuge, der im Film auftaucht, die Bilder in der Halle kommentiert: Jürgen Hempel, der schon als Jugendlicher in der DDR Streit mit dem SED-Regime hatte und Anfang der achtziger Jahre aus der DDR ausreiste. In einer Szene ist er der Revoluzzer, der in den 80ern an der Startbahn West am liebsten auf die Polizisten eindreschte, in einer späteren Szene ist er der Mann mit Hemd und Anzug, der später als Bauingenieur ausgerechnet an Flughäfen als Projektleiter an der Planung zum Flughafen Berlin Brandenburg beteiligt ist. Und auch er entschuldigt sich. Was ist nur aus Ihnen geworden, aus den Spontis von damals? Und, viel wichtiger, wo sind die Spontis von heute? Diese und viele weitere Fragen kann der Film leider nicht beantworten.



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