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John Wick: Kapitel 2

Bild (c) 2017 Concorde Filmverleih.

Als die Geschichte um den titelgebenden Profikiller „John Wick“ im Jahr 2014 in die Kinos kam, hatten die beiden Verantwortlichen, die ehemaligen Stunt-Koordinatoren Chad Stahelski und David Leitch, mit ihrem Genrebeitrag sicherlich das Rad nicht neu erfunden. Der Actioner begann damit, dass jemand den Hund des Protagonisten tötete und er endete damit, dass der titelgebende Über-Assassine einen neuen besten Freund aus dem Tierheim stahl. Eine rundum in sich geschlosse Geschichte also, die mit 76 Leichen gepflastert war.

Doch quasi über Nacht (und einem weltweiten Einspiel von knapp 80 Mio. US-Dollar) war die Regie-Karriere von Keanu Reeves Stunt-Double Chad Stahelski eingeläutet. Der Film konnte besonders damit punkten, dass nicht auf die „Stärken“ der Narrative gesetzt wurde, sondern vor allem auf die Eleganz seiner Action. Der Nachfolger „John Wick: Chapter 2“ vermeidet zwar einige Momente lang jegliche Anknüpfungspunkte zu seinem Vorgänger bzw. eine Rechtfertigung seiner Existenz, liefert dafür aber Reeves „Matrix“-Mentor Laurence Fishburn und zwei wichtige Steigerungen im Vergleich zum Original: Diesmal mussten keine Tiere den Gang alles Irdischen antreten und es beißen (noch) mehr Schurken ins Gras.

Wem viele Leinwandtote auf Gemüt und Magen schlagen, hat in „John Wick 2“ nichts verloren. Selbst für beinharte „GTA“-Jünger und hartgesottene Martial-Arts-Aficionados kann es zu Spitzenzeiten ein wenig ermüdend werden, wenn der Profikiller den schier unendlichen Strom an Handlangern stetig dezimiert. John McClane stellte einst in „Live Free or Die Hard“ die berechtigte Frage, ob es für Unterschurken eine kostenfrei Bestell-Hotline gäbe. Im Wick´schen Falle jedoch wird jede Gewalt mit einer künstlerischen Wertigkeit geziert und erhöht. „John Wick 2“ erhebt sich so stolz über den Nihilismus von Werken wie „Hardcore Henry“ und erzeugt ein Gesamtbild, welches unzweifelhaft mit der künstlerischen Darbietung eines Balletts verglichen werden muss.

Die John Wick-Filme erreichen etwas, was zuletzt die Hong Kong Opera vor mittlerweile einem Vierteljahrhundert erzielte: Sie versetzen ein blutdurstiges (und meist männliches) Publikum in Verzückung, in einer Action-Vorstellung voller exquisiter Auftragsmord-Choreographien. Einst waren es Virtuosen wie John Woo, die solch kunstvolle Arien samt Kugeln und Tod schmiedeten, im 21. Jahrhundert darf nun auch Stahelski dazugehören. Wer bezweifelt, dass der Stuntman seinen neuen Job unter genau diesen Gesichtspunkten angeht, der muss sich nur einmal den Moment nehmen und die Beleuchtung einer jeden Kampfbahn betrachten: Leuchtend helles Fuchsia lässt die New Yorker U-Bahn erstrahlen, geisterhaft blaues Licht glimmt in den Gewölben römischer Katakomben und eine Kunstausstellung erfährt akzentuiertes Licht, welches jedem Nachtclub gut zum Interieur stehen würde. Selbst ein Neon-Dämon wie NWR dürfte hier vor Freude im Kinosessel auffahren.

In der Eröffnung dieses Tanztheaters mit Todesfolgen wird zunächst ein dünner Bogen zum ersten Kapitel geschlagen. Peter Stormare als russischer Unterwelt-Zar erinnert uns an Wicks Reputation und verliert an den unaufhaltsamen Killer rund ein Dutzend seiner Männer. Dafür bekommt Wick endlich seinen 69er Mustang zurück und kann einen Frieden mit den osteuropäischen Anzugträgern aushandeln. In der Wick´schen Welt haben Regeln immer noch einen hohen Stellenwert – zumindest für Verbrecher mit ordentlicher Garderobe. Für John Wick gelten sie sogar noch, wenn er aus der Sicherheit des „Continentals“ getreten ist – jener geheimen Bruderschaft von Mördern, die Drehbuchautor Derek Kolstad für den ersten Teil ersonnen hatte.

Kolstad hatte mit dieser sinistren Vereinigung etwas installiert, das den Film von anderen Rache-Sagas abhob: Die Mythologie des Killer-Clubs. In „John Wick: Kapitel 2“ wird sie erweitert, aus dem New Yorker Hotel wird eine internationale Organisation, gelenkt von einer eigenen Omertà. Ihre erste Regel: Kein Blutvergießen in den Vereinsheimen. Erbitterten Rivalen ist so zivilisierter Austausch möglich. Regel Nummer Zwei: Jede Schuld will gesühnt werden. Deswegen kann John Wick auch nicht von heute auf morgen aussteigen. Will er Continental seinen Rücken kehren, muss er dieser einen letzten Dienst erweisen – und dieser Schuldschein ist nun fällig.

Wicks Schuld zieht ihn ins Epizentrum eines Machtkampfes um einen Platz an höchster Stelle des „High Table“, einer Art „Rat“, bestehend aus Super-Gangstern. Hier giert der italienische Playboy Santino D´Antonio (der tadellos eingekleidete Riccardo Scamarcio) nach einem Stuhl, der seiner Schwester Gianna (Claudia Gerini) gehört. Wick soll sie für ihn aus der Welt schaffen. John selber bezeichnet diesen Auftrag als unerfüllbar (damit kennt er sich ja aus). Schwierig wird dann es erst, als Wick entkommen muss und sich unvermittelt Giannas Leibwächter (Common) und D´Antonios Handlangern gegenüber sieht.

Für die Zukunft sollte sich das Continental überlegen, den Codex um eine dritte Regel zu erweitern: Auftraggeber dürfen nicht die beauftragten Killer meucheln lassen und umgekehrt. Kaum ist nämlich Wicks Mission erfüllt, schon gibt der schneidige D´Antonio ein Kopfgeld auf Wicks Haupt aus. Daraus resultiert eine amüsante Montage, in der Stahelski und Kolstad enthüllen, wie weit sich das Netzwerk des Continental erstreckt. Jede Rolle mit Text, einzige Ausnahme der schon aus dem ersten Teil bekannte Cop aus Wicks Nachbarschaft, ist auf die ein oder andere Weise direkt mit der mörderischen Gruppe verbandelt.

John Wick scheint aber offenbar ernsthaft zu glauben, fertig zu sein mit der ganzen Gewalt. Hat ja im ersten Teil schon so gut funktioniert. Allerdings bekommt es der Zuschauer hier mit dem Talent eines Kenau Reeves zu tun, ohne Frage perfekt für die physikalischen Aspekte der Rolle. Aber wie in seiner gesamten Karriere kann Reeves auch als John Wick keine komplexeren Emotionen transportieren. So erscheint extreme Reluktanz wie eine leichte Verstopfung. Wenn schlussendlich alles darauf hinsteuert aus Wick einen Excommunicado aus Sicht der verschworenen Gemeinschaft zu machen, dann möchte man ihm einfach nur eine Tablette Perenterol Forte reichen und hoffen, dass damit alles geklärt wird. Ironischerweise schafft er es tatsächlich für den Haustierparagraphen des Hotelgeländes verwiesen zu werden.

Alles in allem ist „John Wick: Kapitel 2“ letztendlich aber ein überzeugender Kracher für die kalten, letzten Tage des Winters, garniert mit menschlichem Kugelfang, allerlei Brüchen und einem überzeugenden Ian McShane.

 

 

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