KRITIK

John Rabe

John Rabe Klar, dass sich alle auf dieses Bild stürzen: Eine riesige Hakenkreuzfahne, unter der die Menschen Zuflucht vor den Flieger-Bomben finden. Das Symbol des Bösen schlechthin als Schutzschirm für die Unschuldigen. Fantastisch, so viel moralisches Grau auf der Leinwand. Vielleicht hat Florian Gallenberger seine Helden-Biografie „John Rabe“ überhaupt nur wegen dieser Szene gedreht.

Im Dezember des Jahres 1937 kommt dem Hamburger Kaufmann, Leiter einer Siemens-Tochter im chinesischen Nanking, während eines japanischen Angriffs die rettende Idee, Flagge zu zeigen, und prompt donnern die Bomber der Hitler-treuen Japaner darüber hinweg. Kurz darauf errichtet der Mann, der zwar NSDAP-Mitglied ist, aber mehrere tausend Kilometer Distanz zum deutschen Reich hat, eine Sicherheitszone, in der 250 000 chinesische Zivilisten notdürftig mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt und so gerettet werden. In China verehren sie Rabe heute noch als Helden, in Deutschland kannte ihn bis dato kaum jemand.

Nun spielt ihn Ulrich Tukur als guten Menschen von Nanking, der mit väterlicher Kolonialherren-Milde auf die Chinesen blickt, der seine Frau Dora (Dagmar Manzel) und ihren Napfkuchen liebt. Und Gallenberger serviert dazu den ideologischen Gugelhupf.

Auf der Berlinale, wo diese teure, pompöse und sich mit allerlei Pionierleistungen schmückende Produktion Premiere feierte, gab der junge Regisseur und Studenten-Oscar-Gewinner mit Emphase Auskunft über die Figur des Rabe, auf dessen 1996 veröffentlichten Tagebüchern sein Film gründet. Sinngemäß hieß es, Rabe habe keine Ahnung von den aufziehenden faschistischen Gräueln gehabt, da drüben in Fernost, das versinnbildliche ja auch jene Szene, in der er sich Hilfe suchend per Brief an den Führer wende, weil er sich wirklich nicht habe vorstellen können, dass Hitler die japanischen Kriegsverbrechen tatenlos hinnehme.

<Aber bei Gallenberger kommt doch die Figur des jüdischen Botschaftsangestellten Dr. Rosen (Daniel Brühl) ins Spiel, der kurz beklagen darf, dass seinesgleichen in Deutschland Unrecht geschehe, was Rabe sich mit ernster Miene anhört, und dann wird auch schon weiter an seinem Denkmal gezimmert. Mein Name ist Rabe, ich weiß von nichts?

Vielleicht war John Rabe kein schlechter Mensch, es wird ja nun viel über den „guten Nazi“ gespöttelt, aber ihn auch nur vergleichsweise in die Nähe eines Oskar Schindler zu rücken, wie es ebenfalls geschieht, ist zu viel der Ehre, für alle Beteiligten.

Florian Gallenberger behauptet eine Widersprüchlichkeit, von der man nur die strahlende Seite sieht. Und dass man sich nun in einer deutschen Produktion über die humanistische Wirkung großer Hakenkreuze freuen soll, das ist sowieso ein ganz schlechtes Zeichen.



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INHALT

1937: Der Hamburger Kaufmann John Rabe leitet die Siemens-Niederlassung im chinesischen Nanking. Während seines Abschiedsballs wird Nanking von Fliegern der japanischen Armee bombardiert, die kurz zuvor bereits Shanghai eingenommen hat. Panik bricht aus und Rabe öffnet die Tore des Firmengeländes, um die schutzsuchenden Familien seiner Arbeiter in Sicherheit zu bringen. Während die kaiserliche japanische Armee mit ungeahnter Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vorgeht, gelingt es Rabe und seinen Mitstreitern mit Mut und Geschick, den Japanern die geplante Sicherheitszone für Zivilsten abzutrotzen. Hunderttausende strömen in die Zone - weit mehr als erwartet.
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