KRITIK

Jerichow

Jerichow Christian Petzold hat ein Faible für gottverlassene Orte. Für Topographien, die das Unbehauste, auch Geisterhafte seiner Figuren spiegeln: Wie das abweisende Areal rund um den Potsdamer Platz mit seiner Gebrüder-Grimm-Straße, das er in „Gespenster“ durchmessen hat, oder wie das seelenlose Expo-Gelände, das in „Yella“ zur Transitstation einer Grenzgängerin zwischen Leben und Tod wurde.

In solchen Niemandsländern siedelt Petzold kühle Kriminalgeschichten an, die mehr oder weniger metaphorisch auch vom Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft erzählen wollen. Was manchmal glänzend aufgeht, bisweilen allerdings einen Zug ins Prätentiöse annehmen kann.

In „Jerichow“ indes zeigt sich Petzold auf der Höhe seiner Kunst. Die Geschichte, die frei auf James M. Cains Klassiker „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ basiert, ist in der Pregnitz angesiedelt, im kargen Nordosten Deutschlands, wo das Versprechen auf wirtschaftliche Blüte sich bis heute nicht eingelöst hat. Umso mehr bestimmt die Ökonomie hier sämtliche Beziehungen.

Der Regisseur erzählt von einem Kriegsheimkehrer namens Thomas (Benno Fürmann), der in dem tristen Ort Jerichow das Haus seiner Mutter erbt und aus Geldnot bei dem Imbissbuden-Magnaten Ali (Hilmi Sözer) anheuert. Dieser Ali ist durch und durch Geschäftsmann – einer, der weiß, dass er sich Respekt nicht verdienen, sondern erkaufen muss, der seine Angestellten jederzeit beargwöhnt und seine Frau Laura wie eine Trophäe hütet. Laura wiederum, von Petzolds Stamm-Schauspielerin Nina Hoss mit elektrisierender Kraft und Härte im Gesicht gespielt, wirkt in der sich anbahnenden menage à trois nur auf den ersten Blick wie das passive Objekt der Begierde.

Tatsächlich bestimmt sie nicht unwesentlich das Geschehen, wie überhaupt Opfer und Täter bei Petzold nicht klar auszumachen sind. Er inszeniert seine Geschichte als eine verhängnisreiche Abfolge von Fehlkalkulationen, beobachtet – auf spannende wie luzide Weise – was die Not der Verhältnisse aus den Menschen macht. „Man kann nicht lieben ohne Geld“, sagt Laura sinngemäß. Und da hat sie leider Recht.



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INHALT

Nach dem Tod seiner Mutter ist Thomas in das Dorf Jerichow im Nordosten Deutschlands zurückgekehrt. Durch Zufall lernt Thomas Ali kennen. 45 Imbissbuden gehören ihm hier in der Gegend, er verpachtet und beliefert sie. Ali bietet Thomas einen Job als Fahrer und Assistent an. Laura ist Alis Frau. Thomas trifft sie, wenn er morgens und abends den Lieferwagen vor der tief im Wald versteckten Ziegelsteinvilla Alis vorfährt. Thomas schaut zu, sieht das gespannte Nebeneinander von Laura und Ali, die täglichen Verrichtungen, eine Gegenwart, die nicht recht vom Fleck kommt.
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