KRITIK

Jason Bourne

Bild (c) 2016 UPI Media.

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Matt Damons Rückkehr als und in „Jason Bourne“. Eine Wiedergeburt? Vielleicht. Im fünften Teil der Reihe geht es härter zu. Erwachsener. Kein Wunder, dieses Mal ist es auch persönlicher als je zuvor. Für den Helden mit großen Gedächtnisproblemen geht es noch tiefer in die eigene Vergangenheit zurück. Weiter als es den US-Geheimdiensten lieb ist. Bourne, der sich zwar problemlos daran erinnern kann, wie er anderen Menschen mit bloßen Händen großen Schaden zufügen kann, aber so überhaupt keinen Plan betreffend seiner eignen Herkunft hat, mausert sich in seinem neuen Abenteuer als gnadenlos Suchender im eigenen, persönlichen Kaninchenbau.

In erster Linie liefern Paul Greengrass und Christopher Rouse in „Jason Bourne“ endlich wieder das, was an dem Franchise so richtig passte: Matt Damon in der Hauptrolle. So etwa müssen sich James Bond Fans gefühlt haben, als Sean Connery nach einer kurzen Pause in den Smoking des besten Agenten ihrer britischen Majestät schlüpfte, nachdem er für „On Her Majesty’s Secret Service“ durch ein aalglattes Männermodel ersetzt wurde. „Jason Bourne“ ist eine sehr willkommene Einladung zwei Dinge dem Vergessen anheim fallen zu lassen: Zum einen den enttäuschenden Versuch Jeremy Renner in einer viel zu bournesken Rolle in „The Bourne Legacy“ den Staffelstab übernehmen zu lassen und zum anderen Damons und Greengrass‘ Versuch mit „The Green Zone“ ernsthaft politisch zu werden. Greengrass und Damon schaffen es, den Zuschauer komplett in den Griff zu nehmen, bis … ja bis ihnen ihr hyper-paranoider Verschwörungsthrill pünktlich zum Grande Finale in latente Dümmlichkeit abrutscht.

Szene_Jason_BourneWer sich aber fragt, was Bourne all die Jahre getrieben hat, bekommt in „Jason Bourne“ rasch eine Antwort: Offenbar verbrachte bzw. verbringt der Ex-Agent seine Freizeit als Austeiler und Punchingball in Personalunion – auf illegalen Preisboxkämpfen in eher abgescheppten Ecken des Globus. Hauptsache, man kommt mit dem Bus hin … Irgendwo im Nirgendwo trifft er dann mit Nicky Parsons (Julia Stiles) zusammen. Seine Ex-Kollegin hat gute Gründe im Gepäck, damit sich Bourne endlich wieder mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. In den letzten Jahren hat sich die Welt der Geheimdienste merklich gewandelt. Technologie ist Trumpf und triumphiert längst über herkömmliche Handfeuer-Waffen. Agenten und Spione töten mit Mausklicks und Tasten, chirurgische Schläge sind von gestern. In diesem neuen Spiel sind die gefährlichsten Teilnehmer nicht mehr die ausländischen Mächte oder gar Terroristen, es sind Hacker und Informationsjongleure wie Edward Snowden, Julian Assange und Co..

Vor diesem Hintergrund hat sich Parsons mit dem WikiLeaks inspirierten Kreuzritter Christian Dassault (Vinzenz Kiefer) zusammengetan, um die schmutzigen Machenschaften der CIA zu enthüllen. Letzterer plant, sich einen Weg in das deutlich an Facebook angelehnte Netzwerk Deep Dream zu bahnen. Aus einem Lagerhaus in Reykjavik schleicht sich Parsons digital durch die Firewall der CIA und mopst geheime Dokumente mit brühwarmen Informationen über Treadstone (jenem Black-Ops Programm, für das Bourne einst rekrutiert wurde) und dem Nachfolger Iron Hand. An dieser Stelle kommt dann auch Bournes eigener Vater (Gregg Henry) ins Spiel.

Szene_Jason_Bourne_2Dummerweise (und praktischerweise für die Handlung) bleibt Parsons Hack nicht unbemerkt. Heather Lee (Alicia Vikander mit Gesichtslähmung) heftet sich an die Fersen der ehemaligen Kollegin. Ihr Arbeitsplatz in einem Data-Crunching Centre ähnelt eher Mission Control der NASA als einem Agenten-Arbeitsplatz, aber das sei eben die Gegenwart, so Grenngrass. Rechner an Rechner tüfteln Geheimdienst-Techies und werten die Daten braver und unanständiger US-Bürger aus, ganz ohne Federlesen im Sinne von Privatsphäre oder anderer zivilisatorischer Unnötigkeiten.

Vikander gibt in diesem Spiel die emotionskalte Agentin Lee, eine ganz neue, super-smarte Agentengeneration. Ganz im Gegensatz zu ihrem Chef: Robert Dewey (Tommy Lee Jones), der wirkt wie ein Dinosaurier im High-Tech-Dschungel, verhärmt bis knapp vorm Exitus, mehr Ränder als Augen und die noch unterlaufen. Sein Dienst hat ihm viel Macht, wenig Moral und ein lahmes Bein eingebracht. Tommy Lee Jones erscheint wie die komplett ausgezehrte Version seines eigenen Men-In-Blacks.

Dewey delegiert wohl auch deshalb die High-Tech-Aufgaben an Lee weiter und verlässt sich (ganz klassisch) auf einen Auftragsmörder, der nur als „The Asset“ (Vincent Cassel) bekannt ist. Die eiskalte, menschliche Mordmaschine hat nur einen Auftrag: Jason Bourne zum Schweigen zu bringen. „The Asset“ ist die Sorte Soziopath, der noch nie jemanden persönlich getroffen hat ohne ihm am Ende eine Kugel zwischen die Augen zu jagen. Cassels Charakter ist schlicht und ergreifend gnaden- und kompromisslos und somit definitiv der bessere Gegenspieler im Sinne von Bournes Talenten. Mit grausamer Effizienz jagen sich die beiden Killer alter Güte durch die Welt. Dabei ist „The Asset“ im Spiel nur ein Bonus, denn Bourne muss an Dewey gelangen, um die Geheimnisse, die ihn und seinen Vater betreffen, zu ergründen. Dass sich dabei im Angesicht des Anschlags von Nizza eine rücksichtslose Raserei unangemessen zeitnah anfühlen könnte, scheint ein Risiko zu sein, vor dem die Verantwortlichen nicht zurückschrecken. Andere Filme wurden schon unter weniger deckungsgleichen Realitätsbezügen verschoben oder umgeschnitten.

Szene_Jason_Bourne_3Kurzer Rückblick: In der allgemeinen Wahrnehmung gilt der erste Teil der Bourne-Reihe unter Regie von Doug Liman als intelligenter Agentenstreifen, wie ihn das 21. Jahrhundert verdient hat. Die Serie kam aber erst richtig mit den beiden Teilen unter der Ägide von Paul Greengrass in Fahrt. Rückblickend liegt „The Bourne Identity“ aber tatsächlich qualitativ über „The Bourne Supremacy“ und „The Bourne Ultimatum„. Im ersteren wurde die Tonart festgelegt, nach der alle folgenden Filme tanzten. Greengrass wird zwar zu Recht für die Intensität seines realen Stils gelobt. Die fesselnde und wackelige Kameraführung immer nahe am Geschehen, oder sein splitterndes Editing… Handwerk, das auf ewig im filmischen Gedächtnis haften bleibt. Liman aber war es, der aus dem komplextesten Script der Reihe den knallharten, realen Stil in Darstellung und Action herauskochte und dem es gelang, mit etwas größerem Budget vor den „echten“ Kulissen in Europa zu drehen statt vor Greenscreen.

Es steht außer Frage, dass Greengrass all diese Innovationen gerne aufnahm, um sie mit seiner variantenreichen Herangehensweise zu kreuzen. Was einigen Zuschauern in den beiden mittleren Teilen noch arge Kopfschmerzen bescherte ist mittlerweile Genre-Standard geworden. Auch aus diesem Grund fühlt sich auch der fünfte Teil der Reihe, schlicht „Jason Bourne“, weitaus weniger wie eine sensorische Breitbandattacke auf das zentrale Nervensystem an. Greengrass´ Stil hat glücklicherweise kein bisschen an aufregender Potenz eingebüßt. Obendrein hatte der Altmeister mit der Gewalt über Drehbuch und Regie alle Zügel in der Hand. Teil 2 und 3 wurden zu seiner damaligen Verärgerung erst während der Dreharbeiten fertig geschrieben.

Mit Teil 5 geht es von Island nach Berlin, von London nach Washington und Las Vegas, mit einem Umweg über extrem real inszenierte Proteste im krisengeschüttelten Griechenland. Dabei fühlt sich jede Örtlichkeit real und passend an. Aus einem einfachen Grund: Sie sind kein Fake.

Szene_Jason_Bourne_4Auf mehr als eine Art ist „Jason Bourne“ jedoch der beunruhigendste Teil des Franchises. Die Verschwörung im Hintergrund ist immens und real. Sich richtet sich gegen US-Bürger und ihre Verbündeten. Umgesetzt mit Greengrass‘ Regie-Stil, Barry Ackroyds Kameraführung, einem dichten Techno-Score und Rouse Arbeit als Editor entblättert sich ein in weiten Teilen sehr reales Schauspiel. Die Akteure im Schatten verlassen sich auf Satellitenüberwachung und Software. Es wundert dann auch wenig, dass die ein oder andere Szene an Alex Gibneys unbedingt zu empfehlende Dokumentation „Zero Days“ erinnert.

Störend im Gesamtbild ist lediglich die Exocon Convention in Las Vegas. Hier erreicht das Potential für High-Tech-Schurkereien das absolute Maximum und zeitgleich geht der Agentenhatz die Puste aus. Greengrass und Co. servieren plötzlich langatmige Sequenzen, in denen die Akteure gemächlich Türen öffnen, wieder schließen, Gänge abschreiten und Textnachrichten austauschen. Alles Handlungen, die wenig zielführend sind. Zum Glück für die Actionfans fliegen im letzten Kapitel dann aber doch wieder die Kugeln. Und am Ende lässt sich resümmieren: „Jason Bourne“ liefert uns temporeichen High-Tech-Thrill und vor allem zahlreiche Antworten auf die Fragen, die Agentenfilm-Fans vielleicht seit 9 Jahren geplagt hatten. Auch die auf eine mögliche Fortsetzung: Ohne Zweifel, „Jason Bourne will return.

 

 

 

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Eure Kritiken zu Jason Bourne

  1. BourneisBack

    Größtenteils atemberaubende Action, aber die im Vorfeld so hochgelobte Jagd durch Las Vegas hat mich weniger vom Kinosessel gerissen, als die durch Athen. Schön, dass auch Berlin wieder dabei ist. Erschreckend, wie glaubwürdig die Geschichte in der heutigen Zeit ist. Man kann sich fast immer vorstellen, dass es genauso zugeht im Geheimdienst. Schade eigentlich nur, dass Julia Stiles so früh raus ist.

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