KRITIK

James Bond 007 – Spectre

Bild (c) 2015 Sony Pictures GmbH.

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Es wird persönlich. Wieder einmal. Kein leichtes Unterfangen für einen Geheimagenten im 21. Jahrhundert. Aber hatte sich ein James Bond jemals Grenzen setzen lassen? Es war ein verdammt cleverer Schachzug von den Produzenten und vom Drehbuchtrio um Paul Haggis, Neal Purvis und Robert Wade, im Jahr 2006, die wohl berühmteste britische Hauptfigur der Filmhistorie neu zu re-booten. Um mit diesem neuen Agenten dann viel Neues, vor allem aber alle Facetten einer großen Liebe zu erleben. Die eine große Liebe, was gibt es Persönlicheres? Nicht zuletzt aus diesem Grund gilt „Casino Royal“ als einer der besten Agentenfilme aller Zeiten, nicht nur aus der mittlerweile 24 Auftritte umfassenden Bond-Historie. Was aber tun mit einem Geheimagenten, der zwar verliebt – partout aber nicht „Gentleman-like“ sein will? So zurückhaltend und distinguiert wie einst von seinem Erfinder Ian Flemming erdacht? Richtig. Es muss noch einmal persönlich werden.

Kommen die Liebe oder die Familie ins Spiel, erdet selbst eine unantastbare Filmfigur dessen immer wieder auf´s Neue polierter Machismo sogar harte Nordkorea-Folter kaum etwas anhaben konnte. Daniel Craig sollte ein anderer Bond sein. Näher an der Wirklichkeit. Nahbar. Durch „Casino Royal“ (große Liebe), „Ein Quantum Trost“ (Rache) und zuletzt „Skyfall“ (Familie) ist Craig der nahbahrste britische Geheimagent in der mittlerweile 50-jährigen Bond-Historie geworden. Auch wenn diese Nähe zu Lasten eines anderen Aspektes ging: Charisma. In seinem Brioni-Anzug sieht dieser Bond wie ein trainierter Konfirmant vom Land aus. Martini und Manieren interessieren ihn weniger. Oder sieht er so aus, als würde ihn das etwas angehen? Geht es jedoch um Freundschaft oder Loyalität zieht Craig wie ein Magnet die Zuschauer in die Kinos. Seine Liebesgeschichte mit Vesper Lynd (Eva Green) in „Casino Royal“ hatte über 600 Mio. und die Verteidigung seines Elternhauses in „Skyfall“ gar über 1 Milliarde US-Dollar in die Kassen der Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson gespült.

Szene_Spectre_0Gründe genug, an dieser Ausrichtung festzuhalten und anzuknüpfen. So beginnt „James Bond 007 – Spectre“ zunächst mit einem Beleg seiner Loyalität. Die er in einer grandiosen Eingangssequenz unter Beweis stellt. Offiziell im Urlaub verbringt 007 einige Tage in Mexiko, um einen Mann namens Marco Sciarra ausfindig zu machen. In einer Videobotschaft hatte ihn seine jüngst verstorbene Vorgesetzte „M“ (Judi Dench) gebeten, diese Person zu eliminieren. Nachdem der erste Schuss von einem Hausdach sein Ziel verfehlt, verfolgt Bond den italienischen Geschäftsmann bis in einen Hubschrauber. In diesem kommt es zu einem Zweikampf in der Luft, während am Boden ein Festzug, der „Tag der Toten“, durch die Straßen von Mexiko City tanzt. Aus unzähligen Blickwinkeln lässt Sam Mendes zu Beginn seine Kameras fliegen. Eine schlichtweg atemberaubende Eröffnung.

Auf diesen Kameraflug und Daniel Kleinmanns (mittlerweile siebte) Titelsequenz mit dem zugegeben etwas gewöhnungsbedürftigen Titelsong von Sam Smith, folgen die Bond-typischen Wiederholungsstrukturen. Abläufe mit Wiedererkennungswert, die die erfolgreiche Serie wie keine andere charakterisieren: Der Flirt mit Moneypenny, das Briefing bei M, die Gadgetvorführung bei Q. So bekannt, so erwärmend für jedes traditionsbewusste Bond-Fan-Herz. Wie gut, dass Drehbuch und Regie mit diesen üblichen Ingredienzien spielen, sie neu garnieren ohne sie dabei zu zerstören. So wird die übliche Einsatzbesprechung im Hauptquartier im mittlerweile 24. Abenteuer durch eine Besprechung ersetzt, in der es um die Auflösung der Doppel-Null-Einheit unter „M“ geht. Ein junger Politiker, offiziell „Chef des Centre for National Security„, kurz „C“ genannt (Andrew Scott) will diese abschaffen und durch eine Organisation, die die weltweiten Datenströme kontrolliert, ersetzen. Edward Snowden lässt grüßen!

Szene_Spectre_2Das kann Bond, der aufgrund seines persönlichen Feldzuges in Mexiko City suspendiert wird, natürlich nicht zulassen – und geht mitsamt einiger Spielereien aus Qs Labor auf eigene Erkundungstour. Getrieben von weiteren Hinweisen zu einem Netzwerk namens „Spectre“, dem auch sein Mexiko-Opfer Marco Sciarra angehörte. Bonds Solo-Tour führt ihn nach Rom zur Sciarra-Witwe Lucia (Monica Bellucci in einem kurzen Auftritt) und nach Österreich, wo er die Tochter seines früheren Feindes Mr. White, Dr. Madeleine Swann (beeindruckend: Léa Seydoux, „Blau ist eine warme Farbe„), trifft. Auch im Aufeinandertreffen mit den schönen Frauen, den Besuchen zahlreicher Schauplätze und in einer spannenden Autoverfolgungsjagd blitzt immer wieder das Geschick von Regisseur Sam Mendes auf, die Gratwanderung zwischen Nahbarkeit, Bodenhaftung und dem Supertalent einer Agentenfigur erfolgreich zu vermitteln.

Szene_SpectreSelbst wenn Craig, der durchtrainierte Konfirmant mit dem Einheitsblick aus einem völlig zerstörten Flugzeug steigt, mit dem er zuvor drei SUV durch die Wälder (!) von Österreich gejagt hatte, nimmt man ihm die Ernsthaftigkeit ab, dass es bei ihm „nur“ um einen Gefallen, um ein Versprechen, um eine Person geht. Eine Person, die er zudem kaum kennt. Die es aber zu retten gilt. Daniel Craig ist der James Bond, der rotzfrech sein darf. Ein manchmal sogar unterlegener Geheimagent (im Duell mit Christoph Waltz), der so sportlich wie keine Doppelnull vor ihm so ge-erdet lieben und leiden darf, dass man sich für diesen vierteiligen Reboot dieser Filmfigur keinen besseren Darsteller hätte wünschen können.

Unter der meisterhaften Führung eines Schauspieler-Regisseurs wie Sam Mendes fügen sich also wieder einmal, auch in „Spectre“ mit seinen knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit, zahlreiche Erzählstränge, Figuren und Abenteuer zu einem der besten Agentenfilme des jungen Jahrhunderts zusammen. Mit zahlreichen Referenzen, Verknüpfungspunkten und Reminiszensen. Die Messlatte für weitere Bond-Abenteuer wurde mit „Spectre“ einmal mehr etwas höher gelegt. Wer durfte das nach dem grandiosen „Skyfall“ erwarten?

 

 

Kritikerspiegel James Bond 007 - Spectre



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Antje Wessels
wessels-filmkritik.com
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


WEitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du im Kritikerspiegel November.

 



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