KRITIK

It Comes at Night

Plakat zum Film "It Comes at Night" mit einem dunklen Torbogen.Hinter dieser Produktion steht das gar nicht mehr so kleine Studio A24, das für ungewöhnliche Dramen, subversiven Horror und meist exquisite Filmkunst steht. Auch wenn Filme wie „The Witch“ oder „A Ghost Story“ nicht zu großen Kassenschlagern werden, transzendieren sie doch das Genre, in das sie zu gern von Marketingabteilungen gepresst werden. Zumeist können sich die Filme aus dem Hause einen guten Ruf unter Kritikern erarbeiten. Ähnlich wird es hoffentlich „It comes at night“ ergehen, dem zweiten Langspielfilm von Regisseur Trey Edward Shults. Der Texaner konnte sich bereits durch sein Drama „Krisha“ einigen Respekt in der Independent-Kinowelt und auf dem ein oder anderen Filmfestival verdienen.

Das Horrordrama beginnt mit den eindringlichen Bildern eines alten, sterbenskranken Mannes. Dieser erhält von seiner Familie als letzten Liebesbeweis einen schnellen Tod. Die Familie verliert auch sonst kaum Zeit, sich des Körpers des Großvaters zu entledigen, bevor seine Krankheit sich weiterverbreitet. Dabei geht sie mit einer kühlen Methodik und Präzision vor, die in dieser zukünftigen Welt überlebensnotwendig zu sein scheint.

Szene aus dem Film "It Comes at Night" mit allen Beteiligten am Tisch.Zu der Familie des alten Mannes gehören Vater Paul (Joel Edgerton), seine fürsorgliche Frau Sarah (Carmen Ejego) und ihr Sohn im Teenager-Alter Travis (Kelvin Harrison Jr.), der unter dem Tod seines Großvaters sehr leidet. Der desolate Zustand der durch eine nicht näher definierte Seuche zerstörten Welt ist dagegen schreckliche Normalität für ihn. So normal, als hätte er nie etwas Anderes kennengelernt. Sein Trauma und seine Realität verarbeitet Travis in seinen unheimlichen Alpträumen, die ihn mitten in der Nacht immer wieder durch das einsame und verbarrikadierte Haus treiben, in das sich seine Familie zurückgezogen hat.

Diese vermeintliche Idylle wird von einem Fremden namens Will (Christopher Abbott) gestört, der zunächst versucht, in das Haus einzubrechen, weil er es für verlassen hält. Schnell wird er eines Besseren belehrt und von Paul für eine Nacht an einen Baum in einem sicheren Abstand zum Haus gefesselt. So will die Familie sicherstellen, dass er nicht selbst von der mysteriösen Krankheit befallen ist. Wie sich herausstellt ist Will kerngesund. Er hat sogar selbst eine Familie, seine Frau Kim (Rile Keough) und einen Sohn namens Andrew (Griffin Robert Faulkner). Verstädnich, dass er versucht, auch sie zu beschützen und zu versorgen. Trotz anfänglichem Misstrauen schließen sich die Familien zusammen, finden Sympathie und sogar Freundschaft. Doch die Spannungen zwischen den Familien wachsen. Das große Unbekannte, das draußen zu lauern scheint, hat Auswirkung auf die frische und fragile Gruppendynamik.

Szene aus dem Film "It Comes at Night" mit Darsteller Kelvin Harrison Jr. Wie so häufig bei Horrorfilmen führt auch bei “It comes at Night” der Titel in eine falsche Richtung. Denn wer eine physische Manifestation des Bösen sucht, also ein „It“, das in der Nacht vorbeischaut und Grusel verbreitet, wie es der Titel verspricht, wird bei diesem Film nicht fündig. In Wahrheit handelt es sich bei „It comes at Night“ um ein kammerspielartiges Drama, das sich weitestgehend messerscharf auf die psychologischen Strapazen zweier Familien fokussiert.

Beide Familien kämpfen unter den widrigsten Umständen um ihr Überleben, versuchen aber dennoch bis zuletzt, nicht ihre Menschlichkeit zu opfern. Dabei steht ihnen allerdings immer wieder ihre eigene Furcht und Paranoia im Wege. Auch wenn Autor und Regisseur Trey Edward Shults symbolisch gelegentlich zu dick aufträgt, hält er den Plot schmal und reduziert. Wie er schon in diversen Interviews bestätigte, verarbeitet Schultz mit seinem Film wie Teenager Travis im Film den Verlust eines geliebten Familienmitgliedes, nämlich den Tod seines Vaters. Dieses sehr persönliche Schicksal übersetzt er in ein apokalyptisches Alptraumpsychogram ummantelt von einer globalen Katastrophe, die allerdings immer noch sehr intim die fundamentale Angst widerspiegelt, einen oder gleich alle geliebten Menschen zu verlieren.

Szene aus dem Flm "It Comes at Night" mit Kelvin Harrison Jr. Als Zuschauer-Avatar dient der junge Kelvin Harrison Jr. als Travis, der inmitten von sehr erfahrenen und großartigen Darstellern eine überzeugende Performance eines jungen Heranwachsenden präsentiert. Travis pendelt dabei zwischen Verwirrung, Trauer und Neugier hin und her. Eine aufkeimende Zuneigung und sexuelle Spannung zwischen ihm und der jungen, neu hinzugekommenen Mutter Kim, gesellt sich ebenfalls dazu. Bälle, die der junge Schauspieler scheinbar mühelos in der Luft hält. Seine surrealistischen bis verstörenden Alpträume bedienen dabei effektiv die Horrorelemente, nach denen viele Zuschauer gieren werden. Suspense, die durch die klaustrophobische Kameraarbeit innerhalb der spärlich beleuchteten engen Korridore des einsamen Hauses noch verstärkt wird. All das steht im starken Kontrast zu einer nüchternen „Ende der Welt“-Stimmung, die durch die zahlreichen Sentimentalitäten in vielerlei Hinsicht noch viel bedrückender daherkommt.

 

 

 



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INHALT

Das Ende der Welt. Eine tödliche Infektionskrankheit hat fast alles Leben auf der Erde ausgelöscht. Der siebzehnjährige Travis (Kelvin Harrison, Jr.) und seine Eltern Paul (Joel Edgerton) und Sarah (Carmen Ejogo) gehören zu den letzten Überlebenden. Schwer bewaffnet leben sie in einem einsamen Haus im Wald. Getrieben von Angst und Paranoia versucht die Familie, mit ihren spärlichen Vorräten zu überleben, als ein verzweifeltes junges Paar (Riley Keough, Christopher Abbott) mit seinem kleinen Sohn bei ihnen Schutz sucht. Trotz ihrer guten Absichten, sich gegenseitig zu helfen, rücken die Schrecken der Außenwelt immer näher. Sie haben tiefe Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen, so dass bald Panik und Misstrauen zwischen den beiden Fa-milien regieren. Denn jeder kann die Krankheit in sich tragen und zur tödlichen Bedro-hung werden. Wie weit wird Paul gehen, um Frau und Sohn zu schützen? (Text: Universum Film)
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