KRITIK

Irina Palm

Irina Palm „Hostess gesucht“ steht auf dem Schild des schummrigen Ladens in Londons Amüsierviertel Soho, den die Witwe Maggie (Marianne Faithfull) in aller Unschuld betritt und der ihr Leben verändern wird. Was die Berufsanforderungen dort sein könnten, darüber macht sich die schlichte Hausfrau nicht einmal Illusionen, bis der Sexclub-Besitzer Miki (Miki Manojlovic) sie aufklärt: Es gehe darum, in einer Kabine sitzend Männer zu masturbieren, die ihren Schniedel durch ein Loch in der Wand stecken. Nicht eben die Art von Handarbeit, die in Maggies biederen Vorstadt-Kreisen aus Bridge- und Tee-Tanten gewöhnlich wäre. Und auch die graue Maus in ihren derben Stiefeln käme unter normalen Umständen nicht auf die Idee, einen derartig gesichtslosen Job anzunehmen, trotz des versprochenen Spitzenverdienstes.

Aber da Maggies geliebter Enkelsohn schwer erkrankt ist und ihn nur eine kostspielige Behandlung in Australien retten kann, fasst sich die Großmutter ein Herz, bewaffnet sich mit Thermoskanne und Kittelschürze, spuckt sprichwörtlich in die Hände und packt die Sache an. Und dank ihrer zart gebliebenen Finger stehen die Männer schon bald bei ihr Schlange. Unter dem Künstlernamen „Irina Palm“ (Palm ist das englische Wort für Handfläche) avanciert die „beste rechte Hand der Stadt“, wie sie sich selbst in einem furiosen Coming-Out-Moment nennt, zur Soho-Sensation.

Regisseur Sam Garbarski (Der Tango der Rashevskis) musste sich einige Kritik an seinem Rotlicht-Märchen gefallen lassen: Zu zaghaft gehe er zu Werke, zu kitschig sei die Ausgangslage. Sicher, manchmal gibt sich der Film etwas naiver, als er tatsächlich ist, aber Garbarski will keine sozialrealistische Milieustudie aus der Welt der Huren und Zuhälter inszenieren, sondern die Emanzipationsgeschichte einer „wanking widow“, wie es im Original einmal so schön heißt.

Und die spielt Marianne Faithfull, die einstige Jagger-Muse, so grandios gut, dass es allein den Film lohnt. Sie schafft es tatsächlich, ihre wildbewegte Biografie vergessen zu machen und ganz hinter der unscheinbaren Maggie zu verschwinden, deren Geschicke so rühren – auch wenn das Happyend übers Ziel hinausschießt.



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INHALT

Eine „Hostess“ wird in einer Stellenanzeige gesucht. Maggie, eine britisch-biedere Mitfünfzigerin, bewirbt sich. Naiv und wenig welterfahren stellt sich die junge Oma alles Mögliche darunter vor, nur nicht das, worauf es Miki, der zwielichtige Geschäftsführer des Clubs, der die Annonce aufgab, abgesehen hat. Zunächst also ist die Witwe schockiert, als der Zuhälter ihr erklärt, dass er Frauen beschäftigt, die Männer manuell befriedigen. Als Miki aber seinen spröden Charme spielen lässt und Maggies sanfte Hände lobt, fühlt sie sich irgendwie geschmeichelt.

Es scheint fast, als habe sie etwas entdeckt, was ungeahnt in ihr schlummerte, etwas, das ihr bislang niemand zutraute: ein Talent. Die allerdings nicht ganz salonfähige Gabe, Männer mit der Hand zu befriedigen. Zögerlich lässt sich Maggie von einer jungen Kollegin den Ablauf erklären. Jede Frau sitzt in einer abgetrennten Kabine, die auf einer Seite ein Loch hat. Den Rest kann man sich denken, gezeigt wird er nicht. Zu sehen ist nur, wie sich Maggie die Hände mit Gleitmittel einreibt, und wie sie, wenn sie bereit ist, auf einen Knopf drückt, dann erschrocken das Gesicht verzieht, als das Loch sich auftut, und endlich entschlossen zur Wand greift. Schon bald beherrscht Maggie ihr Handwerk so ausgezeichnet, dass sich vor ihrer Kabine eine Schlange bildet und sie einen eigenen Künstlernamen erhält: „Irina Palm“. Maggie richtet sich in ihrem Kämmerchen häuslich ein, bringt ein paar Blümchen mit, ein Spitzendeckchen, hängt Bilder auf. Alles läuft wie am Schnürchen, das Geld fließt, und auch zwischen Miki und Maggie bahnt sich etwas an.

Doch dann stellen sich Schwierigkeiten ein. Miki entlässt unrentable Kolleginnen, denen Maggie die Kunden „weggeschnappt“ hat. Mitten im Hochbetrieb macht plötzlich Maggies rechte Hand schlapp. Diagnose: „Penisarm“. Sie macht so gut es geht mit links weiter, aber die Probleme hören nicht auf. Ihr Doppelleben lässt sich nicht länger geheim halten.
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Eure Kritiken zu Irina Palm

  1. Kaiserin

    Ein wirklich rundum gelungener Film. Auch Dank der großartigen Leistung der Hauptdarstellerin und der schrullig knuddeligen Nebendarstellerinnen.

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