KRITIK

Insomnia – Schlaflos

Insomnia - Schlaflos Allzu lange erträgt niemand das Leben bei vollem Bewusstsein. Durchschnittlich ein Drittel seiner Zeit vergeudet der Mensch nun einmal schlafend, und selbst ein Keith Richards, der vom Rekord neun durchfeierter Nächte in Folge schwärmt, muss irgendwann vor der Natur kapitulieren.
Ohne aufputschende Drogen stellt sich bekanntlich schon nach weit weniger Erholungs-Entzug jener Zustand der fatalen Übermüdung ein, der einen die kleinsten Geräusche wie ohrenbetäubende Explosionen wahrnehmen lässt, der die Sinne für Details schärft, aber die Zusammenhänge vernebelt, der schließlich geradewegs in Paranoia und Wahnsinn führt.
Ein Grad an Erschöpfung, den Detective Will Dormer (Al Pacino) am Ende seiner schmerzlich durchwachten Alaska-Odyssee erreicht hat, wenn er mit bleischweren Augenlidern und trügerischem Verstand seinen Wagen dem Showdown entgegenjagt, gepeinigt von Halluzinationen.
Dormer sitzt wegen früherer Vergehen die Dienstaufsicht im Nacken, die schneebedeckten Weiten Alaskas scheinen ihm, wenigstens vorübergehend, die Flucht vor der Vergangenheit zu ermöglichen. Mag ihn auch die junge Polizistin Ellie wegen seiner legendären Verdienste bewundern, aus dem Gesicht dieses Mannes sprechen bloß noch der Überdruss zu vieler Morde und der Zweifel an Sinn und Sühne.

Regisseur Christopher Nolan, der mit dem rückwärts erzählten Amnesie-Thriller Memento Furore machte, entwirft hier von Beginn an das faszinierende Porträt eines Cops, der den Glauben verloren hat und seine Todessehnsucht kaum mehr verbergen kann.
So wie der Vorgängerfilm bei aller blendenden Methodik eine grandiose Reflexion über Wahrheit und Lüge, über Lebenselexier gewordenen Selbstbetrug war, so ist dieser sonnengrelle Neo-Noir-Krimi tatsächlich eine verstörende Studie über die Grauzone von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld. Wie schon in Michael Manns muss Al Pacino hier einen Polizisten spielen, der sich angeblich von den Verbrechern, die er verfolgt, nicht mehr unterscheidet. Bei Nolan wirkt dieses schwarzweiße Zwillings-Motiv indes glaubhaft.
Bald schon hat sich Dormer in Nightmute in neue, tödliche Fehler verstrickt und wird damit gar für den Mörder erpressbar. Immer beklemmender wird das Gefühl des Ausgeliefertseins, immer bohrender stellt sich die Frage, die auch der düstere Hollywood-Thriller L.A. Confidential aufwarf: Wie weit darf ein Polizist gehen, bis er auf der falschen Seite steht?

Insomnia will kein Whodunit sein, der Täter in Gestalt von Robin Williams tritt bald ins gelblich-stechende Licht der nicht untergehenden Mitternachts-Sonne. Williams, der nach seiner famosen Leistung in One Hour Photo hier zum zweiten Mal sein Nice-Guy-Metier verlässt, gibt einen Psychopathen mit menschlichem Antlitz, der Dormers Nähe sucht. Ihre gemeinsamen Szenen sind von berührender Intensität, wenngleich Al Pacinos Leistung als gebrochener Traumwandler mit grabentiefen Augenrändern doch alles überragt. „Lasst mich schlafen“, lautet sein letzter Satz. Patrick wildermann



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INHALT

Der erfahrene Detective Will Dormer reist mit seinem Partner Hap von Los Angeles nach Alaska, um den Mord an einer 17-Jährigen zu untersuchen, der die Bewohner einer verschlafenen Kleinstadt nördlich des Polarkreises aufgeschreckt hat. Hier geht die Sonne im Sommer nie unter, und bald haben Will und Hap eine heiße Spur: Als sie dem Hauptverdächtigen, dem zurückgezogen lebenden Autor Walter Finch eine Falle stellen, flieht der in dichtem Nebel über den Felsstrand. Schüsse peitschen durch den Dunst… und Hap bricht tödlich getroffen zusammen.
Will fühlt sich für den Tod seines Kollegen verantwortlich und wird plötzlich von dem ausgekochten Finch bedroht, der dem Cop ein psychologisch ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel aufzwingt. Die Situation spitzt sich zu, als die intelligente Nachwuchspolizistin Ellie Burr eigene Schlüsse zieht und Wills Vorgehen in Frage stellt. Es ist nicht nur die Mitternachtssonne, die Wills Schlaflosigkeit provoziert. Weil er keine Ruhe findet, leidet sein Urteilsvermögen.
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Eure Kritiken zu Insomnia – Schlaflos

  1. nico

    von wegen schlaflos.. … einschläfernd war das eher. Sicherlich erwartet man von C. Nolan nach memento einen weiteren hammer, der einen hin und herdenken lässt, die komplexität des gesehenen zu verfolgen etc. , aber hier wird man mit plumpem krimi abgefertigt, der gerade mal tatort-qualität besitzt. zu langweilig die story, zu geradlinig (die schwerpunkte des filmes -beispiel gewissenskonflikt – wurden viel zu schwach ausgearbeitet). es gibt zähe längen, die einen konflikt zeigen sollen, der aufgrund von „müdigkeit“ des ‚will dormer‘ irgendwie kaum ausgelebt wird.. schlaflosigkeit reicht hier nicht, um einen erfolgreichen, berühmten cop ausser fassung zu zeigen. schade um einen krimi mit al pacino, der normalerweise jedem film eine daseinsberechtigung gibt. dieser jedoch ist gerade mal durchschnitt..

  2. tine

    na gut.schöne bilder, interessante gesichter, ein paar momente der spannung und beeindruckende szenen zwischen pacino und williams … sonst kann ich der vorhergehenden kritik nur zustimmen. ein besserer tatort. bleibt die frage: nimmt man dies so wahr aufgrund des vorhergehenden films dieses regisseurs? bekommt dieser dann automatisch minuspunkte? …

    für diejenigen die das original / die norwegische vorlage gesehen haben: warum kopiert man einen film fast eins zu eins? mir will das einfach nicht in den kopf ….

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