KRITIK

Inland Empire

Inland Empire David Lynchs jüngstem Film eilt der Ruf des unzugänglichen Rätsel-Kunstwerks voraus. Man ist ja viel gewöhnt von diesem Regisseur, der mit seinen düsteren Symbolismen seit „Eraserhead“ verlässlich die Deutungswütigen und auch die Verschwörungstheoretiker der Web-Welt anzieht, aber nun sehen etliche das Enigma auf die Spitze getrieben.

Sicher, noch labyrinthischer als in den Innenwelten-Odysseen „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ erzählt Lynch hier, noch weniger fassbar erscheint die Geschichte, die unter dem Plakat-Slogan „Eine Frau in Schwierigkeiten“ firmiert – eine Art Lynch-Essenz. Laura Dern, die Muse des „Blue Velvet“- und „Wild at Heart“-Schöpfers, spielt die Schauspielerin Nikki Grace, die für das inoffizielle Remake eines polnischen Films engagiert wird, der nie fertiggestellt wurde, weil beide Hauptdarsteller umkamen.

Schon bald erhält Nikki Besuch von einer hexenhaft orakelnden Nachbarin, wenig später bereits verwischen die Grenzen zwischen Nikkis Identität und ihrer Rolle der Susan Blue („On High in Blue Tomorrows“ lautet der Titel des fiktiven Projekts). Die Aktrice findet sich in einer zwittrigen Twilight-Zone zwischen Polen und Hollywood wieder, in der „Locomotion“ singende Huren genauso ihren Auftritt haben wie bizarre Hasenmenschen in einer genial-absurden Daily-Soap – die waren auch schon auf David Lynchs Homepage zu bestaunen.

Erstmals dreht der Regisseur dabei auf DV-Material, und er wird nicht müde, die Freiheiten dieser Technik zu preisen, die er tatsächlich wie entfesselt nutzt und zu einer dreistündigen Feier seiner Gegenwelten-Kunst verdichtet. Er forciert seine Hollywood-Alptraumfantasien aus „Mulholland Drive“, lässt Blut auf den Walk-of-Fame spucken und das Doppelänger-Motiv brillant irrlichtern. Eines ist dabei sicher: Man muss diesen Film nicht enträtseln, um ihn zu verstehen.



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INHALT

Nikki Grace, eine einst gefeierte Schauspielerin, wird für die Hauptrolle im neuen Film von Regisseur Kingsley Stewart engagiert. Kurz vor dem Dreh erfahren Nikki und ihr Co-Star Devon, dass der Film ein Remake ist. Er wurde vor einigen Jahren schon einmal gedreht, aber nie fertiggestellt, weil die Hauptdarsteller vor dem Ende der Dreharbeiten ums Leben kamen. Bald schon beginnen für Nikki, Fiktion und Realität miteinander zu verschmelzen.
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Eure Kritiken zu Inland Empire

  1. Colonia

    der neue Lynch geht aber sowas von gar nicht! Ich hab mich bislang für wirklich hartgesotten gehalten, was das angeht, aber bei „Inland Empire“ hat es der Meister echt zu weit getrieben. Musste das Kino frühzeitig verlassen.

  2. Friedrich

    Ich liebe David Lynch. Mullholland Drive ist einfach zum Sterben schön. Und auch nach meinem 14. Mal, den ich diesen Film gesehen habe, könnte ich an einigen Stellen heulen vor Glück. Dementsprechend hoch war meine Erwartung an „Inland Empire“. Ob ich jetzt enttäuscht sein soll, oder nicht, kann ich noch gar nicht sagen. „Inland Empire“ hat diese Momente. Der Anfang mit der diabolischen Nachbarin ist genial, angsteinflössend, phantastisch. Doch irgendann dreht Lynch total ab. Selbst ich, hartgesottener Lynch-Fan kam ab der mitte des Film, den er erheblich hätte straffen müssen, an meine Grenzen.

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