KRITIK

Inherent Vice – Natürliche Mängel

Bild (c) 2015 Warner Bros. Pictures.

Bild (c) 2015 Warner Bros. Pictures.

Der US-amerikanische Schriftsteller Thomas Pynchon ist das Phantom der amerikanischen Postmoderne: Die Romane des niemals in die Öffentlichkeit tretenden Autoren sind Kult, obgleich (oder weil) kaum einer ihren Beziehungsreichtum vollständig durchschaut. Verfilmt wurden sie bis dato noch nie. Da ist der New Yorker eigen. Nun hat sich einer der großen Postmodernen unter den US-Regisseuren daran versucht – und das mit großem Erfolg.

Paul Thomas Anderson, der mit Joaquin Phoenix „The Master“ inszenierte, setzt Pynchons Roman „Natürliche Mängel“ (2009) als herrlich psychedelische und dabei immer schön entspannt bleibende Krimikomödie in Szene. Dem schwer entwirrbaren, von einer Vielzahl von Figuren bevölkerten Plot des Buches, angesiedelt im Späthippie-Jahr 1970, bleibt er dabei verblüffend treu, was zur Folge hat, dass viele Rollen nur mal eben kurz auftauchen und dann wieder verschwinden. Mal haben sie mit der Haupthandlung zu tun, mal nicht. Aber sehr amüsant ist es immer.

Szene_Inherent_ViceIm Zentrum der zweifach oscarnominierten Verfilmung steht der dauerbekiffte Privatdetektiv Doc Spor­tello, den „Walk the Line“ und „Her“-Star Phoenix großartig verstrahlt als Backenbart-Hallodri durch Los Angeles streifen lässt: eine Mischung aus Bogarts Marlowe und dem­ „Dude“ aus „The Big Lebowski“. Sportellos Ex-Freundin Shasta (eine Entdeckung: Katherine Waterson) zieht ihn in einen Kriminalplot um ihren reichen Geliebten, dessen Frau und wiederum deren Geliebten, wobei nie ganz klar wird, ob es sich dabei um eine Verschwörungs-, Entführungs-, Betrugs- oder Sonst-was-Geschichte handelt. Statt als logisch montierte Szenenfolge präsentiert sich „Inherent Vice“ vielmehr als loser Episodenreigen, und man tut gut daran, nicht auf die herkömmliche Auflösung eines Rätsels zu warten.

Eine Schau sind zudem die diversen Gaststars in kurzen, aber schönen Auftritten: Reese Witherspoon als Docs Geliebte, 80er-Jahre-Komiker Martin Short als koksender Zahnarzt-Funktionär oder Folksängerin Joanna Newsom, die als Erzählerin (größtenteils aus dem Off) durch die Szenen schwebt. Und nicht zuletzt Owen Wilson (als Spion) und Josh Brolin (als Cop), die besonders überzeugen.

Es gibt surreale Einschübe, ein schneebestäubtes Siebziger-Flair, irre gute Musik auf dem Soundtrack und eine Grundstimmung, die sich selbst nie ernst nimmt: Viel besser kann eine solche allererste Thomas-Pynchon-Verfilmung wohl kaum aussehen. Sehenswert.

 

 

Kritikerspiegel Inherent Vice - Natürliche Mängel



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
Nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Sascha Westphal
epd film, Die Welt, etc.
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Julius Zunker
kinfans.com
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Durchschnitt
9/10 ★★★★★★★★★☆ 





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INHALT

Ende der psychedelischen 1960er-Jahre herrscht Paranoia: Doc weiß natürlich, dass „Liebe“ derzeit total angesagt ist – genauso wie die Modewörter „Trip“ und „groovy“. Aber ernst nehmen sollte man diesen überstrapazierten Begriff nicht – zumal die Liebe unweigerlich Probleme mit sich bringt. Mit dabei sind Surfer, Abzocker, Kiffer und Rocker, ein mordlustiger Kredithai, Detectives vom Los Angeles Police Department, ein verdeckt ermittelnder Saxofonspieler und eine geheimnisvolle Organisation namens Goldener Fangzahn, die vielleicht auch nur ein paar Zahnärzten zur Steuerhinterziehung dient … teils Surf noir, teils psychedelische Farce – aber ganz Thomas Pynchon. (Text Warner Bros Pictures Germany)
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