KRITIK

Inglourious Basterds

Inglourious Basterds Quentin Tarantinos siebter Film ist ganz und gar nicht das geworden, was die PR weismachen will – kein raubauziger Kriegsfilm mit Brad Pitt in Heldenpose. Die Action etwa spielt eine Nebenrolle: Ein kurzes Blutbad, später eine sekundenknappe, wenn auch furiose Kneipenschießerei, am Ende brennts. Das wars.

Sechszehn Szenen nur gibt es in diesem Zweieinhalbstünder – das sind radikal wenig für einen Hollywoodfilm, aber doch typisch Tarantino: Dessen Werke hatten schon immer, bei aller pubertären Buntheit, etwas dezidiert Theaterhaftes. Endlose Szenen mit ausgefeilten Dialogen, Schauspielerkino, kein bloßes Brutalitätenkabinett.

Hier verfolgt er drei Handlungsstränge, die sich im unerhört anti-historischen Finale treffen: Es geht um Shosanna (wunderbar: Mélanie Laurent), einzig Überlebende einer jüdischen Familie, die 1944 in Paris ein Kino leitet und, als Goebbels dort einen neuen Durchhaltefilm zur Premiere bringt, die versammelten Nazi-Bonzen von Hitler abwärts per Brand-Attentat umbringen will. Auch ein britischer Filmkritiker (!) im Auftrag Churchills (fünf Sekunden für Rod Taylor) hat dies vor, und natürlich die Bastarde, ein amerikanisch-jüdischer Trupp, der hinter der Front (übrigens nur in zwei Szenen) Nazis skalpiert und Hakenkreuze in Stirnen schnitzt.

Wer diese von Anfang an als märchenhaft gekennzeichnete „koschere Rache-Fantasie“ nun moralisch empört als Gewaltlegitimierung begreift und die Juden paradox in die Nazi-Rolle gedrängt sieht, verkennt, dass hier ja eben gerade nicht echte Geschichte beackert werden soll, dass hier kein Bruno Ganz detailgetreu mit dem Händchen zittert, sondern mit Gusto in den Kino-Realitäten herumgepfeffert wird. Tarantino verquickt B-Genres vom Italo-Western bis zur Nouvelle-Vague-Romanze, spickt alles mit Referenzen auf die (vor allem deutsche) Filmgeschichte, so dass es nicht nur für cinephile Zitat-Entschlüssler eine Freude ist.

Brad Pitt spielt nur die zweite Geige, die Hauptrolle hat Christoph Waltz als ölig-fieser SS-Mann Landa – einfach oscarwürdig. Auch andere deutsche Mimen, vor allem August Diehl und Daniel Brühl, haben Gala-Auftritte und waren lange nicht mehr so gut. So wie der ganze Film permanent zwischen den Sprachen pendelt und nicht zuletzt auch über die Gefährlichkeit von Sprachunkenntnis philosophiert, so schlimm ist es, dass nun eine ruinöse Synchronfassung ins Kino kommt. Wer die Brillanz von Tarantinos bestem Film seit „Pulp Fiction“ ermessen will, muss das Original sehen. Herausragend.



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INHALT

Lt. Aldo Raine befehligt einen Trupp jüdischer Soldaten, "Bastards" genannt, die hinter feindlichen Linien auf französischem Boden Angst und Schrecken unter deutschen Soldaten verbreiten. Unter britischem Kommando lassen sie sich für ein Himmelfahrtskommando einspannen, führende Nazis bei einer Filmpremiere in einem Pariser Kino zu töten. Die Betreiberin des Kinos, die junge Jüdin Shosanna Dreyfuss, hat eigene Pläne für den Abend: Vor Jahren ist sie eher zufällig verschont worden, als der als "Judenjäger" berüchtigte Oberst Hans Landa ihre Familie massakrierte. Jetzt will sie Rache.
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Eure Kritiken zu Inglourious Basterds

  1. Christian

    Der Trailer ließ Schlimmes erahnen. Ein brutaler Rachethriller? Viel Blut, Splatter, Messer und Äxte? Nein. Nichts dergleichen. Die Konversation, die Dialoge stehen im Vordergrund. Ungewöhnlich für einen Kriegsfilm. Doch was ist in einem Tarantino-Film schon gewöhnlich? Wenn David Bowie zu einer kurz bevorstehendes Bluttat erklingt, bekommt man als Tarantino-Fan Gänsehaut. Und das ist nicht einmal die stärkste Szene. Ein klasse Film.

  2. Manni

    Ein Meisterwerk. Allein die erste Viertelstunde ist das Beste, was in letzter Zeit im Kino zu sehen war.

  3. tine

    tarantino schafft es doch immer wieder, dass man sachen zu sehen bekommt von denen man vorher nicht wusste, dass sie irgendjemandem einfallen könnten! und dann findet man dies auch noch gut! 100 / 100!!!

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