KRITIK

Independence Day: Wiederkehr

Plakat_IndependenceDay220 Jahre mussten Fans auf diesen Moment warten. Auf die Rückkehr, nein besser auf die Wiederkehr, also von den Außerirdischen, und ganz genau auf „Independence Day: Wiederkehr“. Zum Glück kommt diese Wiederkehr weniger schlimm daher als befürchtet. Gut, Roland Emmerich lässt erneut den halben Planeten vernichten, aber Dank der Verwendung von massiver CGI-Technik in dieser albern-abgedrehten Wiederbegegnung der Dritten Art kommt gefühlt dabei niemand wirklich zu schaden. Somit verwundert es sicher niemanden, dass dieser verspätete Nachfolger weniger Herzen erobern wird, als die fremdplanetaren Invasoren Hochhäuser planieren. Eines aber macht die digitale Popcorn-Explosion einmal mehr deutlich: Der gebürtige Schwabe Roland Emmerich ist der König des kurzweiligen Kaputt-Kinos.

Der Nachfolger zu „Independence Day“, dieser chaotischen Invasionsklamotte aus dem Jahre 1996, hat zwar nicht das Gewicht des popkulturellen Leviathans von einst, dürfte aber zumindest einen nicht unwesentlichen Schatten über die Einspielergebnisse der Sommerkino-Konkurrenz werfen. Und lässt man einen Blick zurück in die cineastische Historie schweifen, so hat die Nostalgie doch inzwischen längst ihre eigenen Kinder gefressen.

Als „Independence Day“ im Jahr 1996 einspielmäßig alles überrannte, was nicht bei drei im Schutzbunker war, galt der Film als geistiges Kind der Katastrophenstreifen aus den 70ern. Im Schatten des Blockbuster-Ufos schossen Erdbeben, Kometen und Riesenwellen aus dem Boden wie Pilze nach dem Regen. Emmerich lieferte höchstpersönlich den ein oder anderen davon ab. 20 Jahre später jedoch bildet allein „Independence Day“ für „Independence Day: Wiederkehr“ die Referenz. Narrative und Ästhetik (jetzt selbstverständlich in 3D) verbildlichen 20 Jahre Entwicklung. Wie zahlreiche Szenen aus „Independence Day“ auch in „Armageddon“ oder „Pacific Rim“ auftauchten, finden sich diese auch in „Independence Day: Die Wiederkehr“ reflektiert.

Szene_ID4_2Der Nachfolger fährt mit einem versprengten Drehbuch auf. Bei fünf Autoren nicht sonderlich verwunderlich. Sie haben ein dichtes Netzwerk aus Rückrufen zu bekannten Ereignissen und Charakteren erschaffen, in manchen Fällen jedoch mussten letztere durch eine neue Generation ersetzt werden. Auch die Geschichte macht einen großen Zeitsprung. Der Held aus dem ersten „Independence Day“, Will Smiths´ Steven Hiller, sitzt längst nicht mehr in der Pilotenkanzel. Er kam angeblich unter etwas merkwürdigen Umständen bei einem Testflug ums Leben. An seiner statt klemmt sich dafür sein Sohn Dylan (Jessie T. Usher) hinter das Steuerknüppel. Ebenfalls für eine Karriere beim Millitär hat sich die ehemalige First-Daughter Patricia Whitmore (Maika Monroe) entschieden. Ihr Vater wiederum, Ex-Präsident Whitmore (Bill Pullman mit ergrauetem Bart), hat die Ereignisse von 1996 nur schwer traumatisiert überstanden. Seine Nachfolgerin Lanford (Sela Ward) hingegen weißt uns Erdenbewohner gleich zu Beginn darauf hin, dass der Angriff durch Außerirdische wohl das Beste sei, was der Menschheit je passieren konnte. Im Gegensatz zur Realität gab es auf der Parallel-Erde in „Independence Day“ seit 20 Jahren keinen bewaffneten Konflikt mehr.

Auf Seiten der neuen Garde nimmt zusätzlich Liam Hemsworth als kühner Pilot Jake seinen Platz ein. Sollten sich weitere Teile im Sinne eines Franchises anschließen, so haben wir es hierbei mit einer Art „Vorzeigeheroen“ zu tun. Der halsbrecherische und regelbrechende Kampfpilot scheint der uneheliche Sohn von Maverick Mitchell aus Ridley Scotts „Top Gun“ zu sein. Verwandt ist er mit niemandem aus der alten Garde, seine Eltern verstarben im Chaos von ’96. Ab dem Punkt, an dem sich aber der Himmel verfinstert und ominöse Signale aus den Tiefen des Alls empfangen werden, muss die Antwort auf die Frage, ob wir uns genug in die neuen und alten Helden verguckt haben, um uns mitreißen zu lassen, noch etwas warten. Die Autoren stopften nämlich die Handlung mit einer Flutwelle an Handlungsbögen voll, dass man schnell den Überblick verliert. Was sicherlich den wiederkehrenden Charakteren geschulded ist.

So darf sich beispielsweise der Satelliten-Flüsterer David Levinson (Jeff Goldblum) an vorderster Front wieder einmal in wissenschaftlicher Mission mit dem nahenden Feind beschäftigen. Und die Aliens pfeifen endgültig auf alle Zurückhaltung und reisen im 3000 Meilen-Mutterschiff an. Während Levinson noch Warnungen orakelt, will Mrs. President lieber „Feuer-frei“ geben … Und das Schicksal des Erdballs nimmt seinen Lauf.

Szene-ID4_2Obwohl das Drehbuch einen recht liberalen Subtext liefert, wird schlichtweg Alles durch einen unglaublichen Fetisch für Feuerwaffen hinweggefegt. Etwa zur selben Zeit erwacht der exzentrische Wissenschaftler Brackish Okun (Brent Spiner) aus seinem 20-jährigen Koma und Ex-Präsident Whitmore empfängt Signale vom beinah unbesiegbaren Ober-Alien. Julius Levinson (Judd Hirsch) ist derweil mit dem Transport einer Gruppe Kinder in einem Schulbus durch die Trümmer der ersten Alienwelle beschäftigt. Und parallel dazu werden weltweit Großstädte und Kontinente zerstört, also „business as usual“ im Katastrophenfilm-Genre.

Kaum einer dieser Erzählfäden wird länger aufrechterhalten oder gar zu Ende geführt. Rings um das Geschehen werden Charaktere eingestreut, wie Puderzucker auf den Geburtstagskuchen. Um nur einige zu nennen: Charlotte Gainsbourg als Psychologin und Liebschaft in spe von Levinson Junior, oder die zauberhafte Angelababy oder Angela Yeung Wing als irgendeine Kampfpilotin oder auch Vivica A. Fox, die inzwischen Ärztin geworden ist. Allgemein ziehen Frauen in „Independence Day 2“ stets das kürzere Streichholz. Für ein paar Sätze reicht es und das war es dann auch mehr oder minder. In all diesem Chaos geschieht schlussendlich etwas, was so bei einem Popcorn-Bombardement dieser Größenordnung nicht zu erwarten ist: Der Film zieht sich. Mit einer Laufzeit von knappen 2 Stunden fühlt sich der Nachfolger länger an, als der 2,5 Stunden dauernde Vorgänger.

Bei allen Fehlern und trotz einer Narrative nahe am Geduldsspiel muss man Emmerich und Co in „Independence Day 2“ allerdings zu Gute halten, dass die Zerstörungs-Orgie schlussendlich das abliefert, was die meisten Kinobesucher erwarten: Dinge gehen in die Luft und fallen wieder zu Boden. Luftschlachten sind eine fluoreszierende Laserparty, ob gegen Alienkönginnen oder gegen sonst wen. Wenn dann noch Autobahnen im wahrsten Sinne des Wortes abheben, ist Emmerich ganz in seinem Element. Der Mann kennt zwar keine Grenzen, aber weiß genau das an den richtigen Stellen auszuspielen. Inklusive Wow-Effekt.

Nachdem sein gut gemeintes Drama „Stonewall“ einst böse auf die Nase fiel, zeugt „Independence Day 2“ wieder von seinem Talent für Unterhaltung. Was über 40 Jahre in der so genannten „Goldenen Ära“ des Kinos Cecil B. DeMille für Bibel- und Historienepen war, ist nun Emmerich für das globale Vernichtungskino. Und „Independence Day 2“ erinnert vor allem Kinder der 90er an etwas: Es gab mal eine Zeit, da hatten Blockbuster-Filme nicht dieses saubere, digitale Finish. In „Independence Day 2“ finden wir dieses auf der CGI-gepixelten Haut der Invasoren wieder. Bei allen visuellen Coups und Rechenleistungen des ID4-Nachfolgers und trotz seiner Androhung eines sehr baldigen Nachfolgers, könnte diese Haut auch aus dem Vorgänger stammen. Sie wirkt ehrlich und erfrischend unvirtuell. Es ist eben das Ende der Welt, genau wie wir es aus dem 90er-Jahre-Kino kennen. Und es manchmal vielleicht auch ein kleinwenig schätzen.

 

 

Kritikerspiegel Independence Day: Wiederkehr



Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, dramadandy.de
2/10 ★★☆☆☆☆☆☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
3.5/10 ★★★½☆☆☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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