KRITIK

In ihrem Haus

Plakat zum Kinofilm In ihrem HausDer 45-jährige Pariser François Ozon ist Vielfilmer und Genrewechsler aus Passion. Von der Familienfarce zur Ehetragödie, vom Musical (der Hit „8 Frauen„) zum erotischen Thriller („Swimming Pool“), vom Kostümfilm bis zum Sterbedrama, ist alles dabei in seinem oft quer grundierten Werk. Und die „Grandes Dames“ des Euro-Kinos (Rampling, Huppert, Deneuve, Mo­reau etc.) stehen Schlange, um bei ihm zu spielen. Wie auch Kristin Scott Thomas und Emmanuelle Sagnier. Doch diesmal stehen nicht die Frauen, sondern zunächst nur ein älterer Herr im Mittelpunkt des Geschehens, Germain (Fabrice Luchini) Französischlehrer aus Leidenschaft, der immer mehr an der Lustlosigkeit seiner Schüler verzweifelt. Enttäuscht blickt er ins Rund seiner Klasse, pendelt zwischen Resignation und Verachtung: Kaum einer der 16-Jährigen ist in der Lage, einen Aufsatz mit mehr als stumpfen Hauptsätzen und trostlosen Banalitäten zu füllen. Bis auf Claude. Der scheue Hinterbänkler aus bescheidenem Hause schreibt darüber, wie er sich in die bourgeoise Familie des Kommilitonen Rapha einschleust – und bricht im spannendsten Moment ab.

Szene aus dem Film In ihrem HausGermain erkennt schriftstellerisches Talent, fühlt sich an die eigene, gescheiterte Autorenkarriere erinnert und wird, nach anfänglichem Zögern, zum Komplizen: Als Sparringspartner Claudes und seines Schreibprojekts, lenkt er dessen Story bald mit, taucht er darin als unsichtbarer Kritiker und Korrektor auf und merkt bald gar nicht mehr, wie Raphas Familie aus dem Ruder läuft, als Claude sich an die verführerische Mutter (Emmanuelle Seigner aus „Affären à la Carte“) heranmacht.

Szene aus dem Film In ihrem HausAber ist das die Wirklichkeit – oder nur die Fiktion aus Claudes Erzählung? François Ozon, weiterhin bemüht, einer der spannendsten und facettenreichsten Regisseure Frankreichs zu bleiben, lässt diese Frage in der Schwebe: Sowohl den Schulalltag als auch Claudes Erzählung (als Film im Film) inszeniert er aus derselben Perspektive heraus, was neben Germain auch den Zuschauer selbst zum eifrigen Voyeur macht. Fabrice Luchini (der Cäsar im letzten „Asterix“-Film) ist großartig als Lehrer, der aus seiner öden Routine gerissen wird, Kristin Scott Thomas („Bel Ami“) spielt seine Frau, die wie er in den Sog der Narration gerät, und Neuling Ernst Umhauer ist eine echte Entdeckung als androgyner Manipulator, dem – wie Terence Stamp damals in Pasolinis „Teorema“ – gleich eine ganze Familie verfällt.

Ozon verquickt dabei Satire, Drama und Hitchcock-patentierten Thrill auf höchst geschickte Weise zur cleveren, mit allerlei Dopplungen spielenden Abhandlung über die Faszinationskraft des Erzählens. Sehenswert.

  

 

 



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