KRITIK

In einer besseren Welt

In einer besseren Welt „Hæven“, wie „In a better world“ im dänischen Originaltitel heißt, ist nicht unbedingt der Film, den man von Susanne Bier nach ihrem letzten Ausflug in den independent-angehauchten Mainstream mit „Things we lost in the fire“ erwartet hätte. Das ist insgesamt positiv zu vermerken, zeigt der Film doch, dass die dänische Regisseurin nach wie vor in keine der vielen Schubladen passt, in die sie von der Filmkritik bisweilen gesteckt wird. Und weiterhin zeigt Bier damit, dass sich Dogma-Stil und Hugh-Grant-RomCom innerhalb eines Œuvres nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

Dass Wandelbarkeit und steter Fortschritt dabei nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen, beweist „Hæven“ nun leider allzu drastisch: Viele Probleme, kleine und große, hat Bier auf der Agenda für ihren neusten Film stehen. Tatsächlich scheitert sie an eben dieser aber bereits nach wenigen Minuten: Jugendliche und erwachsene Einsamkeit, Suizidgedanken und Verdrängung, hilflose und missverstandene Vaterfiguren, Eheprobleme und fehlende Kommunikation – es ist keine halbe Stunde vergangen, da hat „Hæven“ die Grundlage für seine groß angelegte (oder besser: großspurige) Gewaltparabel bereits dermaßen mit lose verknüpften Problematiken und Klischees überladen, dass das Zusammenbrechen des Gesamtkonstrukts eher eine Frage nach dem „Wann“ als nach dem „Ob“ zu sein scheint.

Es ist eine Geschichte von Missverständnissen, und deren fatalen Folgen, die die Regisseurin hier erzählen möchte. Davon, dass kleine Gesten großes Unheil beschwören können, dass Rachegedanken und verletzte Empfindungen stets der Stein des Anstoßes für einen unaufhaltsamen Strudel des Misstrauens sind – ob nun auf dem Pausehof in Dänemark, oder im afrikanischen Hilfscamp am anderen Ende der Welt.

Natürlich erscheint diese Parallele zwischen der sich verdichtenden Gewaltspirale in der kleinen Vorstadt-Welt und der politischen Situation in Afrika griffig und ambitioniert, und ist doch ist ihre Existenz unnötig. Es ist kein Aufwerfen neuer, sondern ein Ausbuchstabieren bereits bekannter Aspekte und Fragestellungen, was Bier betreibt; ihre Plotstränge korrelieren nur insofern miteinander, als dass sie gleiche Variablen in anderen Umgebungen ausdiskutieren.

Die Anzahl der gezeigten Moralitäten ist hoch, trotzdem oder gerade deswegen bleibt beim Publikum nach dem Abspann eigentlich nur die Frage offen, warum „Hæven“ so sehr um Komplexität innerhalb seiner Erzählung bemüht ist, wenn die daraus resultierenden Schlüsse doch denkbar banal sind: Gewalt erzeugt Gegengewalt; nur Vergebung ebnet den Weg aus der Spirale des Hasses.

So plakativ dieses Fazit, so steinig ist doch der Weg zu eben diesem: Bier inszeniert kühl und distanziert, erreicht damit zwar eine gewisse Abstraktion, die ihr für die Art des Stoffes wohl angemessen erscheint, verhindert so aber auch das Funktionieren ihres Films auf einer persönlichen Ebene. Es sind wenige Momente, in denen einzelne Darsteller die Fassade ihrer Figuren durchbrechen, und tatsächlich so etwas wie Empathie erzeugen, über weite Teile sind sie aber in der stereotypen Schablonenzeichnung des Drehbuchs und dessen Berechenbarkeit gefangen: „Hæven“ ist eigentlich hochemotionaler Stoff, aber er lässt einen seltsam kalt und unberührt zurück.

In all seiner heuchlerischen Scheinintellektualität und dem bewussten Unterstreichen seiner Arthouse-Ambitionen durch IKEA-Optik und bewusster Unzugänglichkeit innerhalb der Aufarbeitung seines Sujets mag „Hæven“ so zwar ein sicherer Kandidat für die anstehenden Academy-Awards sein, ein interessanter Film ist Biers oberflächliche Mediation über Gewalt und ihre Folgen aber nicht.



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INHALT

Elias wird in der Schule gemobbt, erst die Freundschaft mit dem neuen durchsetzungsfähigen Schulkameraden Christian, der ihn vor den Attacken beschützt, holt ihn aus der Isolation. In der Ehe von Elias Eltern kriselt es, der Vater arbeitet lange in Afrika. Christian wirft seinem Vater den Tod der Mutter vor und spricht nicht mit ihm. Als Elias sieht, wie sein Daddy geohrfeigt wird und den Konflikt vermeidet, packt ihn der Zorn. Mit seinem Freund heckt er einen gefährlichen Racheplan mit einer selbst gebastelten Bombe aus.
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Eure Kritiken zu In einer besseren Welt

  1. tobias.tuschen

    test

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