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Im Zweifel glücklich

Plakat zum Film "Im Zweifel glücklich".

Bild (c) 2017 Weltkino Filmverleih.

Das tragende stilistische Element in Mike Whites Film ist die Voice Over-Erzählung. Protagonist Brad, gespielt von Ben Stiller, lässt den Zuschauer an wirklich jedem Gedanken teilhaben. Der Voice Over ist eine umstrittene Technik, da er dem Grundsatz „Show, don’t tell„, dem viele Filmemacher anhängen, widerspricht. Nichtsdestotrotz kann er äußerst clever eingesetzt werden, um z.B. ein Spannungsfeld zwischen Gezeigtem und Gesagten zu kreieren. Es gibt unzählige Beispiele, wo der Voice Over eine wichtige Rolle in der Darstellung eines Charakters spielt. „Im Zweifel Glücklich“ hat im Zentrum aber keine komplexe Persönlichkeit wie Travis Bickle aus „Taxi Driver“ oder Leonard Shelby aus „Memento„.

Denn sonderlich Interessantes hat Brad nicht zu erzählen. Der Zuschauer begleitet ihn und seinen Sohn Troy (Austin Abrams) bei einem gemeinsamen Wochenende in Boston, in dessen Umgebung sich die beiden potentielle Universitäten anschauen. Während des Trips driftet Brad immer wieder ab, mal in Tagträume, mal in Anekdoten, die alle seine äußerst konventionell gehaltene Midlife Crisis beleuchten. Bei dem Gedanken an seine Universitätszeit macht ihm der Gedanke zu schaffen, dass seine Freunde von damals alle viel erfolgreicher geworden sind als er. Während er eine zwar ehrbare aber wenig lukrative Wohltätigkeitsorganisation gegründet hat, sind seine Mitstreiter von damals Hedgefonds-Manager, Fernsehpersönlichkeiten und Technik-Millionäre. Immer wieder malt er sich ihren Alltag aus oder stellt sich vor, wie sein Leben hätte anders verlaufen können. Und dabei redet er. Und redet. Und redet noch ein bisschen mehr. Doch er sagt dabei nichts.

Szene aus dem Film "Im Zweifel glücklich"Zumindest liefert Mike Whites Skript (Drehbuchautor von „School of Rock“, „Nix wie raus aus Orange County„) nichts, seinem Protagonisten irgendwie tiefsinnige oder überraschende Beobachtungen zu entlocken. Dramaturgisch ist eh von der ersten Minute an klar, welche Lehre Brad am Ende des Films gezogen haben wird. Denn über Umwege kommt er in Boston wieder in Kontakt zu ein paar Freunden von früher. Und da ist er – sicherlich anders als der Zuschauer – sehr überrascht festzustellen, dass diese tatsächlich ihre ganz eigenen Probleme haben.

Die Vorhersehbarkeit ist dabei fast noch das kleinste Problem in „Brad´s Status“, wie der Film im Original heißt. Der Bogen, den Ben Stillers Charakter durchlebt, ist weniger behutsam geformt, als mit Gewalt in der Mitte geknickt. Nachdem Brad seine Freunde aufgrund eines völlig überdrehten Materialismus beneidet, der sich in Privatjets und eigenen Inseln äußert, liefert der Film diesen Leuten in wenigen Sätzen schnell ein paar Probleme. Diese haben dazu nichts mit ihrem Reichtum zu tun. Das schwächt die Moral davon, dass Geld und Status allein nicht glücklich machen, gehörig.

Szene aus dem Film "Im Zweifel glücklich".Das wäre alles noch erträglich, wenn der Dialog nicht von schablonenartigen Alltagsfloskeln und nichtssagenden Oberflächlichkeiten durchtränkt wäre. Fairerweise muss man sagen, dass Szenen oft von Small Talk dominiert werden. Nur bildet der Film schmerzhaft akkurat phrasenartiges Gerede ab, was leider vieler unser täglichen Interaktionen bestimmt. Das würde eine Menge satirisches Potential bieten, was aber ebenso wenig genutzt wird.
Genau deshalb werden zum Beispiel die Drehbücher eines Aaron Sorkin – wie „The Social Network“ oder „Der Krieg des Charlie Wilson“ – so gelobt. Sorkin versteckt nie, dass seine Dialoge bis ins Kleinste konstruiert und aufeinander abgestimmt sind und doch wirken seine Charaktere immer authentisch. Der Small Talk in „Im Zweifel Glücklich“ ist zwar realistisch, aber deshalb auch genauso dröge. Ständig benutzt ein Charakter eine Phrase, die man im echten Leben benutzt, wenn man nicht mehr weiß, was man sagen soll. Realitätsnähe ist ein nachvollziehbares Ziel eines Filmemachers, aber in diesem Fall wird nur deutlich, wie deprimierend gleichförmig „echte“ Gespräche häufig verlaufen.

Ben Stiller müht sich sichtlich, Brad eine Aura aufrichtiger Nachdenklichkeit zu verleihen. Das gelingt ihm mimisch durchaus, doch die inhaltsleeren Phrasen die in Dauerschleife über seine eigentlich stillen Momente gelegt werden, torpedieren ständig diese Bemühungen. Stillers Performance gibt dem Film „Im Zweifel Glücklich“ wenigstens etwas Tiefe, der sonst an Oberflächen nicht mal kratzt, sondern sie nur streichelt. Ein nur wenig unterhaltsamer Selbstmitleids-Striptease.

 




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