KRITIK

Im Winter ein Jahr

Im Winter ein Jahr Jedes Familienporträt ist eine Behauptung. Der Außenwelt wird Zusammenhalt demonstriert, Harmonie. Die Leerstellen und Lügen auf dem Gemälde oder im Fotoalbum kennt nur die Familie selbst.
Der Maler Max Hollander soll im jüngsten Film von Caroline Link ein solches Kunstwerk des schönen Scheins anfertigen, er wird von der Innenarchitektin Eliane Richter (Corinna Harfouch) beauftragt, ihre 21-jährige Tochter Lilli (Karoline Herfurth) und deren jüngeren Bruder Alex zu porträtieren. Der Sohn der Familie aber ist seit über einem Jahr tot. Von einem tragischen Jagdunfall spricht die Mutter, es war Selbstmord, sagt die Schwester. Hollander muss sich sein eigenes Bild machen, was in vorsichtiger Annäherung an Lilli geschieht, während sie ihm Modell sitzt.

Nicht um eine kriminalistische Suche nach der Wahrheit geht es dabei, sondern um das allmähliche Sichtbarwerden des Verdrängten. Caroline Link, deren Karriere mit dem sanften Melodram „Jenseits der Stille“ begann, hat hier den Roman „Aftermath“ des amerikanischen Autors Scott Campbell adaptiert und setzt wiederum ganz aufs Gefühl, wobei die Atmosphäre ihres Films nicht selten auch an amerikanische Kino-Vorbilder erinnert. Insbesondere an Robert Redfords Regiedebüt „Eine ganz normale Familie“.
br>Wie dort umhüllt eine emotionale Kälte raureifgleich die Hinterbliebenen, was sich bei Link schon in den edel designten Interieurs spiegelt, die nichts als Kühle und Strenge ausstrahlen. Ein wenig plakativ ist das manchmal. Und im Kontrast, in ihrem Glauben an die Heilkraft der Kunst, streift Caroline Link bisweilen den Bedeutungskitsch.

Andererseits muss man die Regisseurin auch in Schutz nehmen. Die Tatsache, dass seit ihrem Oscar-Gewinn für „Nirgendwo in Afrika“ fünf Jahre vergangen sind, veranlasste wohl manchen zu allzu großen Erwartungs-Projektionen – die sie nicht erfüllen kann und will.

Prätentiös wirkt „Im Winter ein Jahr“ trotz allem nie, und allein die Figur des schweigsamen Malers, den der großartige Sepp Bierbichler spielt, erdet den Film immer wieder – mit ruhiger Hand dringt er unter die Oberfläche des Familienbildes.



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INHALT

Heikler Auftrag für den Künstler Max Hollander: Eliane Richter bittet ihn, ein Porträt ihrer beiden erwachsenen Kinder anzufertigen. Zum einen die 22-jährige talentierte Tanz-Studentin Lilli, zum anderen ihr vor Jahresfrist tödlich verunglückter jüngerer Bruder Alexander. Bei den Sitzungen in seinem Atelier entdeckt der Maler rasch Lillis große emotionale Schwierigkeiten.
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