KRITIK

Im Sommer wohnt er unten

Plakat_Im_Sommer_wohnt_er_untenDer deutsche Film zieht sich gern in Ferienhäuser zurück. Man erinnere an „Alle anderen„, „Sommer 04“, „Bungalow“, „Halbschatten“, „Nachthelle„, „Ferien“ und ungezählte Fernsehproduktionen. Das liegt wohl an der dramaturgischen Konzentration, die sich aus dieser Beschränkung ergibt: ein kleines Schauspiel-Ensemble, eine begrenzte Zeit außerhalb der Alltagsroutine, ein intensives Kammerspiel in bukolischer Idylle. Auch Jungregisseur Tom Sommerlatte wählte für sein auf der Berlinale preisgekröntes und für den Europäischen Filmpreis als „Entdeckung des Jahres“ nominiertes Spielfilmdebüt ein Ferienhaus in Südfrankreich als Spielort.

Dort, am Pool und in Atlantiknähe, lässt Schluffi Matthias (Sebastian Fräsdorf) mit seiner forschen französischen Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) und deren Sohn Etien­ne den lieben Gott einen guten Mann sein. Bis eines Tages sein großer und erfolgreicher Bruder David (überzeugend fies: Godehard Giese) samt Gattin (Karin Hanczewski) aufkreuzt. Mit BMW und diktatorisch durchgesetztem Erholungsbedürfnis. Zwischen dem Loser und dem Großkotz brechen Konflikte aus, es kommt zu „Wahlverwandtschaften“ amouröser Art, am Ende hat sich der Wind gedreht. Zumindest ein bisschen.

Szene_Im_Sommer_untenÜbermäßig Dramatisches passiert nicht in diesem Aufeinandertreffen zweier Paare. Aber Sommerlatte blickt aus amüsierter Halbdistanz auf die wechselnden Allianzen seines Ferienhaus-Quartetts. Die Dialoge sind überraschend pointiert ausgefallen, und die Inszenierung findet zwischen der Kunstlosigkeit der Berliner Schule sowie Eric Rohmers französischer Leichtigkeit einen geschmackssicheren, eigenen Weg. Dabei entsteht eine erfrischend spielerische Inszenierung, die zahlreiche, sich immer wieder neu verzweigenden affektiven Schwingungen, Machtspielchen und enttarnten Fassaden sehr feinkörnig und ohne bedeutungsschwangere Gesten einfängt. Sehenswert.

 

 



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INHALT

Bei den Landbergs, einer angesehenen Bankiersfamilie, hält man es mit der Tradition und mit dem Geld. Der eine Sohn, David, ist als authentisches Alphatier in die Fußstapfen des Vaters getreten, der andere, Matthias, ist etwas aus der Art geschlagen – zumindest interessiert er sich nicht besonders für Geld und hat sich einer eher kontemplativen Lebensführung verschrieben. Die Nutzung des elterlichen Ferienhauses an der französischen Atlantikküste ist genau geregelt, nur dass David mit seiner Frau plötzlich eine Woche früher als geplant in die sommerliche Pastorale von Matthias, dessen Freundin Camille und ihrem Sohn, Etienne, platzt. Sofort halten neue Regeln und Ansprüche Einzug. Doch was zuerst auf klare Machtverhältnisse hindeutet, stellt sich als offene Konstellation heraus, umso mehr als Matthias‘ Freundin ihren antiautoritären Impulsen freien Lauf lässt. Was ein guter oder kluger Zug ist bei diesem Gesellschaftsspiel, das stellt sich immer wieder anders dar. Am Ende ist zwar einiges zu Bruch gegangen, aber dieser Sommer entlässt alle Beteiligten als andere Menschen - ein bisschen zumindest. (Text: Kinostar Filmverleih)
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