KRITIK

Im Alter von Ellen

Im Alter von Ellen Ohne den Halt bürgerlicher Normalität schlägt sich die 14-jährige Stevie durch ihr ungeordnetes Leben und erfindet für ihr Umfeld eine glanzvolle Existenz als Diplomatentochter, während ihre Eltern an einem Späthippie-Konstrukt eines verantwortungsfreien Daseins festhängen. Das pubertierende Mädchen rebelliert gegen die Rebellen, sie möchte aus dem Aussteigen am liebsten aussteigen.

Mit ihrem Langfilmdebüt „Die Unerzogenen“ gelang der Regisseurin Pia Marais eine der eindrucksvollsten Gesellschaftsstudien der vergangenen Jahre, die sich sowohl im Inhalt wie auch in der Form dem Konventionellen weitgehend entzog. Ihr zweiter Film „Im Alter von Ellen“ setzt diese Ausrichtung thematisch wie formal fort. Nur die Vorzeichen sind komplett anders.

Die Flugbegleiterin Ellen steht geradezu symbolhaft fest mit beiden Beinen im Leben, die Korrektheit ihrer Uniform und die Uniformität ihrer Arbeit verströmen Sicherheit und Kontrolle. Sie ist voll und ganz eingestiegen in ein bürgerliches, geschäftliches, konventionelles Leben, aber nachdem ihr Freund sie verlässt, nachdem sie von seinem Kind mit einer Anderen erfährt, steigt sie aus. Zunächst ganz sinnbildlich aus dem wartenden Flugzeug auf der Startbahn, dann aus ihrem bisherigen Lebensentwurf. Ihre Uniform wird dabei mehr und mehr ramponiert, doch Ellen legt sie lange Zeit nicht ab – ein ambivalentes Motiv, das die Narration hübsch konterkariert.

Nach ihrem Aus- und Zusammenbruch mäandert sie schlaftrunken durch die kommenden Tage, wohnt teilnahmslos einer Swingerparty bei und landet schließlich in einer militanten Tierschützerkommune, die der enigmatischen Frau mittleren Alters ein wenig Halt oder so etwas wie Sinn zu geben scheint. Ellens Absichten, ihre Ziele oder Pläne bleiben dabei ebenso nebulös wie ihre offenbar ungünstige ärztliche Diagnose. „Du flatterst total verpeilt durch die Gegend“, wirft ihr Karl entgegen, der sich als Einziger der Aktivisten Ellen verbunden fühlt und den sie dann auch etwas unvermittelt heiratet.

Ähnlich wie in Die Unerzogenen“ verteilt Pia Marais genüsslich ihre Seitenhiebe auf die 68er-Mentalität der Tierschützer, denen die in den letzten Jahren schmerzlich vermisste Julia Hummer als Wortführerin vorsteht – etwa wenn jeder Pups basisdemokratisch durchdiskutiert und abgestimmt werden muss, oder allein schon durch Hummers Antlitz mit überdimensionierter, ständig rutschender Hornbrille und Zottelmähne. Auch die sexuellen Alternativkonzepte wie der Vorschlag von Ellens Ex, mit seiner neuen Freundin eine Dreier-WG aufzuziehen, oder die bizarre Unterwäscheparty in einem gesichtslosen Frankfurter Flughafenhotel, werden mit einer gehörigen Portion Skepsis beäugt.

Die augenscheinlichste und letztlich auch reizvollste Parallele zu Die Unerzogenen“ ist die erneute Absage an klassische Erzählkonventionen, die „Im Alter von Ellen“ aus einem starren Korsett von zeitlich klar definierten Plot Points und herkömmlichen Spannungsbögen befreit. Wie seine Protagonistin erfasst auch den Zuschauer eine grundlegende Unsicherheit angesichts der weiteren Entwicklung. Zu keinem Zeitpunkt begibt sich der Film auf ausgetretene Pfade, sondern überträgt die vermeintliche Ziellosigkeit seiner Hauptfigur auf die gesamte Dramaturgie. Das ist mitunter ein wenig bemüht, und auch das Gefühl, dass manches zu sehr auf diesen Effekt hin inszeniert wurde, lässt sich nicht gänzlich abschütteln.

Aber aus seiner Unvorhersehbarkeit und der Verschränkung von Form und Inhalt bezieht „Im Alter von Ellen“ einen Gutteil seiner eigentümlichen Faszination. Die Besetzung der Titelrolle mit der französischen Darstellerin Jeanne Balibar, die ihre Dialogsätze mit überakzentuiertem Deutsch spricht, als ob sie sich jedem einzelnen ihrer Worte unsicher ist, verstärkt den Eindruck einer leicht verschobenen Wahrnehmung, die in einen existenziellen Umbruch mündet, noch zusätzlich. Die geordneten Bahnen, denen auch das Kino nur allzu gerne folgt, hat „Im Alter von Ellen“ jedenfalls weiträumig verlassen und fährt dennoch oder gerade deswegen außerordentlich gut damit.



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INHALT

Flugbegleiterin Ellen sieht sich plötzlich mit einigen Veränderungen in ihrem Leben konfrontiert: Alles, was ihr bisher ein Gefühl von Sicherheit gab, bröckelt auseinander. Als Florian, Ellens Lebensgefährte, sie verlässt, ist sie daran nicht ganz unschuldig. Doch als sie erfährt, dass er mit einer anderen Frau ein Kind erwartet, bricht ihre bisherige Welt zusammen. Bei der Arbeit erleidet sie einen heftigen Zusammenbruch, verlässt ihren Flug kurz vor dem Start und wird daraufhin vom Dienst suspendiert. Sie verschwindet, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Dabei trifft sie auf eine Gruppe von Tierschutz­aktivisten. Sie lernt Karl kennen, der sich dem Wehrdienst entzogen hat und auf der Suche nach einem Ort ist, wo er untertauchen kann. Während Ellen versucht, sich diesen idealistischen Außenseitern anzuschließen, bemüht sich ihr ehemaliger Freund verzweifelt, sie aufzuspüren, um sie in seine neue Familie zu integrieren.

Ellen ist vom leidenschaftlichen Engagement der Aktivisten beeindruckt, umso mehr, als ihr klar wird, dass sie selbst bisher noch nie für etwas, das ihr wichtig war, gekämpft hat. Sie beteiligt sich an den provokanten Aktionen und lässt sich mit der Gruppe treiben.

Trotz aller Unterschiede werden Karl und Ellen zu einer Art Komplizen. Was die beiden verbindet, ist der Versuch, den bisherigen Lebensumständen zu entfliehen. Ellen entscheidet sich, Karl zu heiraten. Vielleicht eine Strategie, um Karl aus einer misslichen Lage zu helfen oder doch ein Schachzug, der sie weiter von Florian entfernt? Für einen kleinen Moment gibt sich Ellen der unkonventionellen Liebe hin.
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Eure Kritiken zu Im Alter von Ellen

  1. Udo

    Eine tolle Kritik eines zugegeben etwas sperrigen Films, der Geduld und Empathie für die Figur abverlangt. Doch die Geschichte von Ellen will einen irgendwie nicht loslassen. Und das ist doch immer etwas gutes. Ein faszinierender Film.

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