KRITIK

Il Divo

„Wer Italien verstehen will, muss `Il Divo` sehen“ hat eine Kollegin über den Film geschrieben. Doch wieviel Wahrheit steckt in diesem Film? Und ist das beliebteste Urlaubsland der Deutschen tatsächlich so korrupt? Wer mit Italien Sonne, Sand und Spaghetti verbindet, der wird sicherlich enttäuscht sein und denken, das man sich den falschen Film ausgesucht hat, um Italien zu verstehen. Italien ist kompliziert. Daran lässt Regisseur und Drehbuchautor Paolo Sorrentino keinen Zweifel. Und leichtfüßig wie ein Italienurlaub ist seine Politgroteske über Italiens Ex-Ministerpräsidenten Giulio Andreotti schon mal gar nicht. „Dieses Werk ist ein Schurkenstreich, eine Niederträchtigkeit, ein boshafter Film“ soll Andreotti nach einer Privatvorführung über den Film gesagt haben. Die Kritiker waren da anderer Meinung. Als ihnen der Film auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt wurde, lobten sie neben dem herausragenden Hauptdarsteller (Toni Servillo, der für seine Leistung mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde) vor allem den Witz, die Überzeichnung dieser „Politsatire“.

Nein, Autor und Regisseur Sorrentino gibt seine Hauptfigur weder der Lächerlichkeit preis, noch legt er den siebenfachen italienischen Premierminister auf die Analysecouch. Er spielt weder (wie sonst üblich in einem Biopic) mit verschiedenen Zeitebenen, noch arbeitet er mit anderen inszenatorisch aufwändigen Mitteln. Es sind die kleinen Mittel der Kunst, mit denen der große Staatsmann hier entlarvt wird. Sorrentinos Kamera haftet an der stoischen Ruhe seines Protagonisten wie ein quängelndes Kind. Behutsam, nicht aufdringlich. Keine Zeitsprünge, keine Splitscreens, kein Publikum. Oft ist der Film ganz still. Sorrentino nutzt Andreottis beharrliche Verschlossenheit und Unnahbarkeit für einen ruhigen, angenehmen Mix aus Fakten und Fiktion. Zum Glück ist der Regisseur gar nicht daran interessiert, „die Größe des Enigmas“ zu entschlüsseln. Er überlässt seinen Film ganz seinem Hauptdarsteller. Und dieser nutzt diese künstlerische Freiheit. Servillo spielt „seinen Giulio“ mit permanentem Pokerface, müden Augen und durch die Brille geknickten Fledermausohren. Sein Blick ist oft durchdringend und starr. Ein Blick, dem nur eine Katze standhält.

Man kann diese Herangehensweise übervorsichtig nennen. Zurückhaltend. Doch Serrantino setzt die nackten Fakten dagegen. 27 Mal angeklagt, nie verurteilt. 236 Menschen starben bei Attentaten, 817 wurden verletzt. Eine Stimme auf dem Off streut weitere, wichtige Fakten ein. Wer das Erfolgsgeheimnis eines italienischen Politikers ergründen will, sollte sich „Il Divo“ ansehen.



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