KRITIK

Ich und Earl und das Mädchen

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

„Me and Earl and the dying girl“, wie der Film treffender im Original heißt, ist ein crowd-pleaser. Ein Film, der sich dem Publikum anbiedert, mit einer nicht allzu anspruchsvollen Story, „lebensnahen“ Charakteren und einer Figurenzeichnung mit einer äußerst geringen Fallhöhe. Zahlreiche Publikumspreise sind oft Ausrufezeichen für einen crowd-pleaser. Bei Alfonso Gomez-Rejons Jugendbuchverfilmung finden sich dazu Auszeichnungen auf den Filmfestivals in Bali, Montclair, Nantucket, Nashville, Sundance und Sidney auf der Haben-Seite. Nomen est omen. Doch cowd-pleaser können trotz ihres anbiedernden Stallgeruchs qualitativ gute Filme sein. Wenn man, wie Alfonso Gomez-Rejon, zahlreiche Fallgruben gekonnt umschifft.

Gomez-Rejons Titelfigur ist Greg, ein unauffälliger Highschool-Schüler, der sein Abschlussjahr an der Highschool möglichst unbeschadet überstehen will. Dazu hat er einen perfekten Plan entwickelt: „Fall nicht groß auf, stell dich mit allen gut, sei unsichtbar„. So lautet seine Devise, die er dem Publikum gleich zu Beginn mit auf den Weg gibt. Der 17-jährige Einzelgänger führt ein So­zialleben ohne Verpflichtungen. Selbst seinen langjährigen besten Kumpel Earl bezeichnet er lieber als Arbeitskollegen. In ihrer Freizeit drehen die begeisterten Cineasten schräge Parodien auf Filmklassiker wie „Apocalypse Now“, „Blue Velvet“ oder „Clockwork Orange“.

Szene_Ich_Earl_MaedchenGregs Versuch unsichtbar zu bleiben endet eines Tages mit einer Nachricht von seiner Mutter: Rachel (Olivia Cooke), die Tochter ihrer besten Freundin, hat Leukämie. Und stirbt vielleicht bald daran. Und da Greg´s Mutter ein großes Herz hat, zwingt sie ihren Sohn dazu, mit Olivia abzuhängen, während sie ihre Chemotherapie macht. Weil es sich bei „Ich und Earl und das Mädchen“ wie bereits erwähnt um einen crowd-pleaser handelt, reagiert Greg natürlich anders, als es vermutlich 90 Prozent aller 17-jährigen bei einem derartigen Wunsch ihrer Mutter tun würden: Er erfüllt ihn.

Wie gut, dass Gomez-Rejon im weiteren Verlauf auf sämtlichen schmalzigen Pathos verzichtet und stattdessen auf jugendliche Coolness setzt. So tritt Greg den Weg zu seiner schwer erkrankten Mitschülerin nicht aus Mitleid an, wie er im ersten Dialog betont, sondern „weil mich meine Mutter dazu gewungen hat„. Na, „das macht es ja noch schlimmer“ antwortet Olivia auf diese Offenheit. Aber ihr und auch dem Zuschauer fällt natürlich sofort auf, dass eine überraschende Frische und Besonderheit in diesem Mix aus Teilnahmslosigkeit und Offenheit liegt: Verständlich, dass die beiden sofort Freunde werden.

Szene_Ich_Earl_Maedchen_2Eine große Stärke von Gomez-Rejon, dem eigentlich erfahrenen Horror-Experten („Warte, bis es dunkel wird“), ist zudem, dass er im Folgenden jeden Anflug von Pathos und Sentimentalität vermeidet. Greg lässt keinen Zweifel daran, dass er „von Rachels Leukämie absolut gar nichts gelernt“ hat. Ganz im Gegensatz zum sehr ähnlichen „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ setzen Gomez-Rejon und sein Autor Jesse Andrews, der auch die Buchvorlage zum Film verfasst hat, zudem auf Situationskomik und auf die Absurdität eines nahenden Todes. Dies gelingt ihnen mit einer großen Portion Ironie und Zynismus. Eine heikle Paarung, die zusammen mit der Offenheit aller beteiligten Figuren, inklusive der Verschrobenheit der Eltern, „Ich und Earl und das Mädchen“ aus der Masse der unzähligen Coming-of-Age Filme heraus heben.

Doch diese Coolness, diese Ehrlich- und Kaltschnäuzigkeit, die zum einen die große Stärke des Films ist, ist auch die große Schwäche des Films. Denn obwohl es neben der gefälligen Smartness der geschliffenen Dialoge auch echte, anteilnehmende Wortlosigkeit gibt, fehlt es den Figuren an Tiefe. Man würde gerne mehr über die Haupt- und verschrobenen Nebenfiguren erfahren. Was beschäftigt diesen Earl, abgesehen von seiner Zusammenarbeit mit Greg? Was erhofft sich Rachel von ihrer Freundschaft mit Greg? Aus diesem Grund ist „Ich und Earl und das Mädchen“ zwar ein bezaubernder, ein sehr empfehlenswerter aber auch ein sehr distanzierter Film, dem noch einige Prozent fehlen, bis beispielsweise in die Belle-Etage des Genres mit Filmen wie „Breakfast Club“, „Stand by me“ oder „Der Club der toten Dichter“.

 

 

Kritikerspiegel Ich und Earl und das Mädchen



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Antje Wessels
wessels-filmkritik.com
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, WAZ, etc.
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel November.

 



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