KRITIK

Ich sehe den Mann deiner Träume

Ich sehe den Mann deiner Träume Illusionen, Illusionen. Nehmen wir für einen Moment an, „Ich sehe den Mann deiner Träume“ ist Woody Allens „Inception“. Die Traumwelt eines blitzsauberen Upper-Class-London, in der die Charaktere an ihren Luxusproblemen verzweifeln, ihre Midlife Crisis in vollen Zügen ausleben und ihre Neurosen verwalten. The Architect, die Raumgestalterin des Traums, gespielt von Ellen Page in „Inception“, ist hier die windige Wahrsagerin Cristal, deren blumigen Voraussagungen die jüngst sitzen gelassene Helena blind vertraut. Helena richtet fortan ihr gesamtes Leben – und das ihrer Mitmenschen – nach den Prophezeiungen von Cristal aus. Und setzt damit den Liebesreigen in Gang, der die Handlung von Allens vierzigster Regiearbeit bestimmt.

Dass wir uns dabei fortwährend in einer Traumwelt befinden, zeigt sich vor allem dann, wenn die Dramaturgie unerwartete Haken schlägt wie in dem Moment, als sich die bildschöne Nachbarin Gia, dargestellt von „Slumdog Millionär“-Star Freida Pinto, auf eine Affäre mit dem glücklosen Autor Roy, Helenas Schwiegersohn, einlässt, nachdem der sie monatelang als Stalker in ihrem Schlafzimmerfenster bespannt hatte. Zumindest Helenas vormaliger Ehemann Alfie vermag letztlich aus seiner mittlerweile zum Albtraum mutierten Midlife Crisis aufzuwachen und der Realität seines Daseins ins Auge zu blicken, während alle anderen noch unsanft aus ihren Fantasien geweckt werden müssten.

Woody Allen hat in seiner Filmografie schon oftmals mit dem Übersinnlichen gespielt, das bei ihm auch immer die Aura der Scharlatanerie mit beinhaltete. Der Hypotiseur in „The Curse of the Jade Scorpion“ oder der Zauberer in „Scoop“, das Zirkusvolk in „Shadows and Fog“, sie werden bei aller Faszination ebenso mit berechtigter Skepsis betrachtet, bringen sie die Protagonisten doch zumeist in arge Bredouille. Auch die vertrauensselige Helena bekommt ihre Lektion zu spüren, als sie sich in die Hände der Wahrsagerin begibt. Einmal mehr werden die großen Themen Woody Allens in „Ich sehe den Mann deiner Träume“ verhandelt, die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz, die Angst vor dem Tod, das künstlerische Versagen und die bittere Endlichkeit persönlicher Beziehungen. Bis weit in die Achtziger kleidete Allen seine Topoi in strikt komödiantische oder dramatische Korsette – die Freudlosigkeit eines „Interiors“ oder „September“ scheint heutzutage kaum mehr vorstellbar – in den vergangenen beiden Jahrzehnten sind seine Filme ein ihm eigener tragikomischer Mix, der mal mehr, mal weniger zur einen oder anderen Seite pendelt, ohne den Grundtenor generell zu verlassen.

Das gelingt ihm mal überzeugender, wie etwa bei „Vicky Cristina Barcelona“ oder „Match Point“, die über eine bestechende Unausweichlichkeit verfügten, oder eben weniger wie zuletzt bei „Cassandra`s Dream“, der ein wenig unentschlossen in der Luft hängen blieb. In „Ich sehe den Mann deiner Träume“ geht Allen bisweilen leider zu schnell den Weg des geringsten Widerstands und liefert die geistig minderbemittelte Charmaine, die blutjunge neue Gespielin Alfies, allzu billigen Witzchen auf ihre Kosten aus. Auch Helenas obsessive Beschäftigung mit dem Übersinnlichen, ihre vermeintliche Seelenverwandtschaft mit einem kauzigen Buchhändler, mit dem sie gemeinsam Séancen besucht, wird eher herablassend und zynisch betrachtet. Ein allwissender Off-Kommentar, der die elliptische Erzählweise ironisch überbrückt, befeuert die Distanz zwischen dem Publikum und den Charakteren, die wie Schachfiguren auf dem Spielbrett verschoben werden, noch zusätzlich.

Leider zu selten lässt Allen seinem namhaften Ensemble die Gelegenheit, sich aus der starren Dramaturgie freizuspielen. Die stärksten Szenen sind dann auch die energischen Wortgefechte zwischen Gemma Jones` Helena, ihrer Tochter Sally, verkörpert von Naomi Watts, und Josh Brolins Roy, die mit wackliger Handkamera das fragile Beziehungsgeflecht torpedieren, bis jeder von ihnen sein Heil in einer Affäre sucht. Die im (Original-)Titel versprochene Begegnung mit dem „Tall Dark Stranger“ ist allerdings für jeden von ihnen eine schmerzliche Sackgasse; eine Illusion, der sie sich für den Moment nur zu gerne hingeben, bevor sie schließlich erkennen, dass es lediglich Fantasien waren, die sie dazu angetrieben haben.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Nachdem ihr Vater nach 40 Jahren Ehe ihre Mutter verlassen hat und sie in die Arme einer Wahrsagerin trieb, die mit Versprechen von kommendem Glück ihr Leben fremdzusteuern beginnt, denkt auch Sally über eine Kurskorrektur nach. Sie ist so unglücklich wie ihr Mann Roy enttäuscht, dass er als Schriftsteller langfristig den Beweis für Talent schuldig blieb. Während Sallys Vater bei einer viel zu jungen drallen Blondine vor Anker geht, träumen Tochter und Schwiegersohn von einem romantischen Neuanfang - mit anderen Partnern.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Ich sehe den Mann deiner Träume

  1. OodyWallen

    Happy Birthday! Woody Allen. Der Zuschauer bekommt das, was er von einem Allen-Film erwarten darf. Intelligente Dialoge, gut aufgelegte Darsteller, nüchterne Kameraeinstellungen. Hier brillieren alle Darsteller, allen voran Naomi Watts und josh Brolin. Klasse. Hat mir gut gefallen.

  2. Christian

    Auch ein schlechter Woody-Allen-Film ist ein guter Kinofilm, heißt es! Das kann ich nicht unterschreiben. Dieses jüngste Werk des New Yorkers ist für mich eine große Enttäuschung. Eine lieblose Charakterzeichnung, hysterische Darsteller, die an allem verzweifeln, auch an ihrer lieblosen Rolle und vor allem ein Drehbuch, das wahrscheinlich um die bekannten Darsteller herum konzipiert wurde und nicht umgekehrt. Mann, ist das ein Flop. Kann passieren, Mr. Allen

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*