KRITIK

Ich bin dann mal weg

Bild (c) 2015 Warner Bros. Germany.

Bild (c) 2015 Warner Bros. Germany.

Hape Kerkelings Millionen-Bestseller „Ich bin dann mal weg“ hätte nach allen Maßgaben der Marktlogik schon längst in verfilmter Form unters zahlende Volk gebracht werden sollen. Doch die Produktion verzögerte sich mehrfach, am Ende verzichtete der inzwischen aus dem Rampenlicht abgetauchte Komiker darauf, die Hauptrolle zu spielen. Verständlich, schließlich ist es schon fast 15 Jahre her, seit sich der Erntertainer damals, nach Hörsturz und Gallen-OP, auf den Jakobsweg begab.

An seiner statt übernahm Qualitätsschauspieler Devid Striesow (auch bekannt aus dem Saarland-„Tatort“) den Part – mit angefressenem Übergewicht, um den damals moppeligen Kerkeling noch ähnlicher zu werden als ohnehin schon. Mit ironischem Spott im Gesicht und schwärenden Fußes durchwandert er die spanischen Idyllen einmal den Camino Fránces entlang, jenen knapp 800 Kilometer langen Jakobsweg von den Pyrenäen bis zur weihrauchdurchwaberten Kathedrale in Santiago de Compostela.

Szene_Ich_bin_WegStriesow verwandelt sich Kerkeling verblüffend an – und trotzdem ist es schwer, sich von dem Gedanken zu lösen, ob nicht ein anderer, besserer Film entstanden wäre, hätte Kerkeling sich in seiner anarcho-melancholischen Manier selbst gespielt. Ohne ihn ist sie eine nette Erbauungsdramödie entstanden, die an Heiligabend ihren idealen Starttermin gefunden hat. So wie die zahllosen Pilger, die den Jakobsweg seit Kerkelings Bestseller massentouristisch verstopfen, spricht der handlungsarme Film viel von Gottessuche und spiritueller Einkehr, wo im Grunde eine diffuse Sinnsuche gemeint ist: Irgendwie Erleuchtung finden, eine innere Ausgeglichenheit zumindest. Pausenlos ist Striesow aus dem Off zu hören – keine gute Idee, denn ohne den launigen Erzählkontext des Romans klingen Kerkelings „Erkenntnisse“ hier stark nach Allerwelts-Aphorismen von der Resterampe eines Seelenwellnesstempels.

Zum Glück bringt Regisseurin Julia von Heinz die Schönheit der nordspanischen Natur professionell zur Geltung. Sie schwelgt in Panoramen und wird dabei nie allzu kitschig. Von den Romanfiguren bleiben nebst einiger Knallchargen vor allem Hapes wichtigste Mitwanderinnen übrig, die Engländerin Lena (Karoline Schuch, sie drehte mit der Regisseurin schon „Hannas Reise“) und die ewige Melancholie-Madonna Martina Gedeck als Stella, die die Pilgerreise als Trauerarbeit nutzt.

Zwischendurch wird in Hapes Jugend zurückgeblendet, beispielsweise tritt Katharina Thalbach bewährt aufdringlich als Oma Bertha auf, und es ist ein Verdienst der Regisseurin, dass diese Exkurse den Film nicht aus dem Tritt bringen. Im Gegenteil: Die Komödie mit Tränchen im Knopfloch bleibt allzeit bestens konsumierbar – und ist gerade deshalb glatter als nötig geraten.

 

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Eure Kritiken zu Ich bin dann mal weg

  1. gise

    Leider habe ich im Film viele Originalorte vermisst, nicht einmal die Katherale von
    Santiago de Compostella wurde von der Vorderseite gezeigt, sondern nur ein Nebenturm – schade.
    Hatte mir von dem Film wesentlich mehr versprochen.

  2. Hallo Gise,

    vielen Dank für den Kommentar.
    In der Tat hat das Produktionsteam einige Wegpunkte ausgelassen. Die Kathedrale konnte nicht von der Vorderseite gezeigt werden, weil sich die Vorderseite zum Zeitpunkt des Drehs in einer Renovierungsphase befand. Einschließlich Baugerüst und „Verpackung“. So hat man dann den hinteren Eingang der Kathedrale als Eingangstür gewählt.

  3. Peter

    der film war leider eine ganz seichte nummer. und die aufnahmen sind teilweise weiss gott wo gemacht worden. also ich habe die erste etappe von st. jean nach roncesvalles anders in erinnerung, ohne dieses felsgebirge, das mich eher an die dolomiten erinnerte. schade, dass man nicht konsequent originalschauplätze gewählt hat. und überhaupt, ich war vor fünf monaten auf dem camino und meine erlebnisse waren extrem spannend mit all den begegnungen und gerade die etappen durch die meseta waren ziemlich anstrengend aber wunderschön. so was kommt im film gar nicht rüber, nur immer diese suche nach gott, die auf dem camino meiner meinung nach eher nebensächlich bleibt. es ist eher eine suche zu sich selbst und eine auseinandersetzung mit unserer hektischen konsumwütigen welt.

  4. Hallo Peter,

    vielen Dank für deinen Kommentar zum Film „Ich bin dann mal weg“.

    Da Kommentare zu aktuellen Kinofilmen das Kaufverhalten der möglichen Besucher beeinflussen, will ich an dieser Stelle ein paar Korrekturen und Ergänzungen dazu veröffentlichen. Auch, weil wir mit dem Presseheft detailierte Informationen über den Dreh haben.

    Zu deiner Aussage, die Aufnahmen seien „Gott weiß wo gemacht worden“ kann ich aus dem Presseheft ergänzen, dass „Was die im Buch geschilderten und auf der Leinwand gezeigten Orte längs des Pilgerweges angeht, konnte das Team zu etwa 70 Prozent an den Originalschauplätzen filmen. Der Rest der Locations wurde in Deutschland
    nachgebaut, weil aufgrund der Filmförderung etliche Szenen auch in Deutschland gedreht werden mussten. Also entschieden die Filmemacher, alle Innenaufnahmen (es gibt nur relativ wenige) im Bundesgebiet zu drehen. Vermutlich wäre es auch gar nicht möglich gewesen, die Pilgerherbergen tagelang für die Dreharbeiten zu blockieren, weil der reguläre
    Pilgerbetrieb ja reibungslos weiterlaufen muss.“

    Weil auch ich den Jakobsweg 2015 gelaufen bin, kann ich Dir zustimmen, dass eigene „extrem spannende Erlebnisse“ kein Kinofilm der Welt vermitteln kann. Auch dieser nicht. Aber soll er das denn? Ist es nicht viel schöner, eigene Erlebnisse im Kopf zu behalten? Ganz für sich? Auch, um nicht enttäuscht zu sein, wenn die Kinoversion dazu ganz anders aussieht? Ich bin froh, dass ich meine Erlebnisse nicht mit einer Kinoversion messen muss,

    Schade finde ich, dass „immer diese Such nach Gott“ deiner Meinung nach nebensächlich bleibt bzw. bleiben sollte. Der Jakobsweg ist im ursprünglichen Sinn ein Pilgerweg zum Grab des Apostels Jakobus. Erste Aufzeichnungen datieren aus dem Jahr 1047 n. Chr.. Und die Nomenklatur weißt den Weg von Frankreich bis ins nordspanische Santiago de Compostela als Jakobsweg aus, damit die Benutzung durch Jakobspilger als Hauptfunktion angenommen werden kann. Eine Such zu sich selbst findet man sicherlich auch auf anderen Wegen abseits unserer hektischen, konsumwütigen Welt. Und ich würde mir wünschen, dass der eigentliche Sinn des Weges auch von denen mehr verinnerlicht werden würde, die sich nachher brav die Compostela abholen: Die Urkunde, den Jakobsweg geschafft zu haben. Und das nicht, weil man auf knapp 800 Kilometern innere Einkehr und Ruhe gefunden hat.

    Und genau diese Schwerpunkte aus dem Reisebericht von Kerkeling, seine innere Einkehr und die Suche nach Gott kommen im Film von Julia von Heinz sehr gut rüber. Was mir ehrlich gesagt sehr gut gefallen hat. Für mich eine gelungene Verfilmung.

  5. Tine

    Ich kenne das Buch nicht, und fand den Film ab dem Moment unausgewogen, als Devid Striesow in dem sehr schlechten FatSuit auf der Leinwand auftauchte und Annette Frier Brille und kurze Haare von der Maske bekam um streng oder anders zu wirken? Slapstick und Camino passt für mich nicht zusammen, da hätte man ihn doch einfach ein bisschen verschwitzt zeigen können? Im grossen und ganzen habe ich immer drauf gewartet dass es mal interessant wird, mir war das alles zu albern und oberflächlich. Gott sei Dank haben Martina Gedeck und Karoline Schuch einiges wieder gut gemacht.

  6. Tine

    ah, klappt wieder nicht mit den Bewertungssternen. Noch ein Versuch.

  7. Erhard Karl

    Hallo zusammen,

    ich war auch sehr gespannt auf den Film, weil ich selber 2014 von Logrono nach Santiago gelaufen bin. Kurz vorher hatte ich – zunächst widerwillig – dann aber zunehmend amüsiert „den Kerkeling“ gelesen. Während meiner 4wöchigen Wanderung habe ich festgestellt, dass Kerkeling nicht übertrieben hatte. Er war ziemlich nah an der Wahrheit, fand ich. Leider kam das im Film m.E. nicht so richtig rüber. Irgendwie habe ich dem Striesow das Glas Rotwein in der Hand nicht abgenommen. Ich mag ihn sonst als Schauspieler gerne, hier war er aber evtl. überfordert. Kerkeling ist auch schwierig.

    Fazit: Netter Versuch.

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