KRITIK

Ice Age 4 – Voll verschoben

Plakat zum Film Ice Age 4Das „Heft zum Film“ ist nicht neu. Ein Heft zu einem Film gab es beispielsweise bereits bei der Verfilmung von „Flash Gordon“, einem weltbekannten Comic aus den 60ern. Ob es sich bei dem Heft um ein begleitendes Schulheft für die schulische und ausserschulische Bildung handelt, um ein Presseheft oder schlicht um das Comic zum Animationsfilm, crossmediales Begleitmaterial ist längst üblich. Ein Heft zum Start von Steve Martinos und Michael Thurmeiers Fortsetzung der vor einem Jahrzehnt mit „Ice Age“ begonnenen Kinoreihe gab es nicht. Dafür ein „Heft zum Heft zum Filmstart“. Das zielt scharf an den Journalisten vorbei „in die Herzen der Leser“ und „katapultiert sich mit einer Nussschleuder als Extra“ in selbige. Die Rede ist vom zeitgleich mit dem Animationsspaß anlaufenden Begleitmagazin, das „für die ganze Familie eiszeitliche Abkühlung, Spiel und Spannung in diesen Sommertagen“ bringt. Ohne Magazin ist ein Kinderfilm in den hiesigen Kinos augenscheinlich nicht mehr komplett, erst Recht bei einem Erfolgsgaranten wie „Ice Age“.

Das kaum verdrängte Trauma, verursacht durch das anlässlich einer anderen Kinofortsetzung veröfentlichte „Hanni & Nanni Magazin“ klafft durch das Ice-Age-Magazin als frische Wunde wie die Plattenrisse nach dem Kontinentaldrift. Zu letztem berichtet das „mehr als ein Fanmagazin“-Fanmagazin eine gänzlich falsche Entstehungsgeschichte. Die wahre zeigt das psychedelische Horrorerlebnis Scrats (Chris Wedge), der als einziger des nach drei Teilen sichtlich ausgelaugten Ensembles noch hemmungslos quirlig und abgehoben ist. Abgehoben bis in den Weltraum, in den ihn der epische Kampf führt, bei dem er nicht die Nuss knackt, dafür jedoch den Erdkern. Eine Etage höher versteckt sich hinter der nächsten Ecke schon ein Regenbogen, wie das Riesenfaultier Sid (John Leguizamo) verkündet, und wartet auf ruhiges Fahrwasser. Die innerfilmische Ironie von Sids Worten gilt ernstlich für die Dramatik des Handlungsstroms.

Szene Ice Age 4Er treibt Säbelzahntiger Diego (Denis Leary), Sid und Wollmammut Manny (Ray Romano) auf ihrer Eisscholle Piratenkapitän Gutt (Peter Dinklage) vor den Bug. „Ich liebe diese schrecklichen Wendungen des Schicksals.„, frohlockt dieser. Die dünne Story indes leidet darunter. Die Charaktere äußern nicht nur Running Gags, sie sind selbst zu welchen geworden – sofern sie es nicht schon von vornherein waren. Letztes gilt insbesondere für Scrat, dessen eines Sisyphus ebenbürtiger Kampf in seiner anarchischen und amoralischen Umtriebigkeit einen wohltuenden Kontrast zu den mit strategischen oder apostolischen Überlegungen geleiteten Aktionen von Diego, Manny und Sid liefert. Die drei Gefährten reißt die Kontinentalverschiebung nicht nur die Freunde vom Festland, sondern Manny von Partnerin Ellie (Queen Latifah) und der jugendlichen Tochter Peaches (Keke Paler) fort und auf die mit Sids fideler Oma (Wanda Sykes) zu überlebende Odyssee.

Szene Ice Age 4Letztlich sei es immer um Familienbande gegangen, erzählt Produzentin Lori Forte. „Solche Geschichten finden auf der ganzen Welt Anklang.“ Wie Recht sie damit hat beweist der anhaltende Erfolg der Serie um die urzeitlichen CGI-Helden. Letzte plagen und schlagen sich augenscheinlich vorrangig deshalb mit einem Arsenal neuer Nebenfiguren, damit diese zukünftig als Merchandising die Regale von Spielwarenläden füllen. Oder zumindest die Happy-Meal-Tüten von McDonalds. Dorthin passen die wie zuvor bereits im dritten Teil als psychologische Sparmenüs animierten Protagonisten, deren banale Konflikte nicht mehr sind als dramaturgisches Fast Food. Zum vierten mal aufgewärmt schmecken die Rangeleien doppelt fade und wirken schon nach knapp über 80 Minuten Laufzeit übersättigend. Mit welcher Unerbittlichkeit die Produzentin sämtlicher „Ice Age“-Filme das Grundthema ausreizt irritiert sogar Sid, dessen Sippe ihm ähnlich dreist verschollene Verwandte präsentiert wie „Ice Age 4“ dem Zuschauer.

Wie krank muss eine Familie sein, die einem die alte Großmutter aufhalst?„, rätselt Sid. Und wie krank müssen zwei Drehbuchautoren sein, die einem Plot in grober Unglaubwürdigkeit Sids alte Großmutter aufhalst? Die gute Stimmung des 3D-Werks scheint sich ebenso zu erklären wie die mancher Protagonisten: „Wieso seid ihr so gut drauf? Belastet es euch gar nicht, dass die Welt bald untergeht?“ – „Soll ich ihm unser Geheimnis verraten? Wir sind sehr, sehr dämlich.“ Ab dem 2. Juli in Deutschland im Kino.

  

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INHALT

Eines der beliebtesten Filmtrios kehrt auf die Leinwand zurück: Manny, Diego und Sid aus Ice Age. Sie erleben ihre größten Abenteuer nach einer Katastrophe, weil sie auf einem Eisberg durchs Meer treiben. Wieder wollen sie das Unmögliche und eine neue Welt für sich finden. Dabei kommt es zu Begegnungen mit exotischen Meeresbewohner und rücksichtslosen Piraten. Auch mit Scrat gibt es ein Wiedersehen, denn der wird an Orte katapultiert, an denen noch kein prähistorisches Eichhörnchen gewesen ist.
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