KRITIK

I Origins – Im Auge des Ursprungs

Bild (c) 2014 Twentieth Century Fox.

Bild (c) 2014 Twentieth Century Fox.

„Deine blauen Augen machen mich so sentimental.“ – „Die Augen sind der Spiegel der Seele.“ – „Sogar das Schweigen ist sinnvoll, wenn die Augen sprechen.“ – Die Menschheits- und Kulturgeschichte ist voll von Analogien, Metaphern und hübschen Bildern über unser aller Sehorgan zwischen Poesiealbum-Sprüchen und philosophischen Einlassungen, die diese kleine Auswahl mit Annette Humpe, Leonardo da Vinci und Albert Camus sicherlich ins Unendliche verlängern ließen. Ian Gray, Student der Molekularbiologie, würde sie wohl allesamt unterschreiben, denn auch wenn er sich streng wissenschaftlich auf die Erforschung der Evolutionsgeschichte des menschlichen Auges spezialisiert hat, lässt er die Tür zur spirituellen Welt stets einen kleinen Spalt offen stehen.

Kein Wunder, hat er sich doch auf einer Kostümparty unsterblich in eine Frau verliebt, von der er hinter ihrer Maske nur ihre faszinierenden Augen gesehen hat. Und dass er sie nach ihrem stürmischen Aufbruch anderntags wiedertrifft, nach einer Reihe verblüffender Zufälle, die man einfach glauben muss, ist offensichtlich seine Bestimmung – selbst diesem unwissenschaftlichen Schluss würde der Doktorand vorbehaltlos zustimmen.

Im Spannungsfeld zwischen Wissenschafts- und spiritueller Welt, zwischen Thesenfilm und Love Story hat Regisseur und Autor Mike Cahill auch seinen zweiten Spielfilm „I Origins“ angelegt, nachdem ihm mit der Science-Fiction-Parabel „Another Earth“ bereits ein ähnlicher Spagat auf famose Weise geglückt war. Und einmal mehr beweist er, dass ein mikroskopisch kleines Budget einen Film keineswegs limitieren muss, wenn die Ideen, die ihm zugrunde liegen und sich auf der Leinwand in betörende Gedankenspiele visualisieren, umso größer sind – so groß, dass sie eine zweite Erde einschließen oder die Grenzen der Wissenschaft sprengen.

Szene_I_OriginsSieben Jahre nach der Begegnung mit Sofi, deren Augen ihn dermaßen gefangen nahmen, ist Dr. Ian Gray gemeinsam mit seiner Laborkollegin Karen (Brit Marling, Cahills Co-Autorin bei „Another Earth“) einer Entdeckung auf der Spur, die sowohl das Bild der Wissenschaft wie auch die spirituelle Welt in ihren Grundfesten erschüttern könnte. Die weitreichenden Implikationen hier nur anzuteasern und damit letztlich zu spoilern, würde „I Origins“ einiges an seiner Sogkraft entziehen, daher nur soviel: auch wenn sich der Film in wissenschaftlicher Hinsicht so manches Mal auf dünnes Eis begibt und dabei die Grenze zur Esoterik haarscharf schrammt, sind seine Thesen und Absichten, seine Schlussfolgerungen und Auflösungen doch so zwingend aufgebaut, dass man ihm alles glauben möchte, so sehr greifen die Überwältigungsstrategien des Kinos einmal mehr bis ins kleinste Zahnrädchen der ausgefeilten Dramaturgie ineinander. Trotz der zunächst unterkühlten Anmutung – Ein Film über Molekularbiologen? Laborkittel als vorherrschendes Kostümdesign? – ist „I Origins“ insbesondere durch seine Liebesgeschichte, die sich auf wundersame Weise äußerst harmonisch mit den übrigen Storyebenen verschränkt, emotional enorm aufwühlend und ebenso mitreißend wie klug.

Umso bemerkenswerter ist allein, dass sich Mike Cahill mit gerade einmal zwei Filmen eine eigene, unverkennbare Handschrift zugelegt hat, sowohl inhaltlich als auch formal, mit seinem down-and-dirty Look und der Handkamera, die zunächst in krassem Widerspruch zu den großen Ideen zwischen Science-Fact und -Fiction zu stehen scheinen, aber diese vor allem auch erden und aus dem Elfenbeinturm eines überbordenden Production Design oder schwindelerregender Special Effects auf den Boden der Realität zurückholen. Zurück zu den Menschen, die in dieser Welt leben (oder einer anderen), und zu ihren komplexen und faszinierenden Beziehungsgeflechten, die dank „I Origins“ noch ein wenig komplexer und faszinierender geworden sind.

 




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