KRITIK

I killed my mother

I killed my mother Kurzer Rückblick. Dass die Münsteraner außerordentliche Filmfreunde sind, ist weit über die Stadtgrenzen bekannt. Im jährlichen Ranking zu den häufigsten Kinobesuchen je Einwohner ist Münster nicht nur stets in den Top-Ten zu finden, sondern bietet mit den jährlich preisgekrönten Programmkinos, dem Filmclub und der Filmwerkstatt zahlreiche Anlaufstellen für Cineasten. So waren die Veranstalter des Kurzfilmwettbewerbs „Münster Shorts“, der zum 10jährigen Bestehen des CINEPLEX Münster im November 2010 initiiert wurde, nicht erstaunt, dass sich die Filmfans der Region als äußerst kreative Filmemacher erwiesen. Ca. zwanzig beeindruckende Filmbeiträge waren bei der Präsentation des Kurzfilmwettbewerbs zu sehen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Von den Skateboard- oder Parcours-Aufnahmen einiger Schüler, geschnitten mit der systemkompatiblen Windows-Software, bis zum professionellen Trickfilm zweier Filmhochschüler reichte die kreative Bandbreite.

Und was hat das mit Xavier Dolans Spielfilmdebüt zu tun? Gerade einmal 19 Jahre alt war der junge Kanadier, als er mit dem kleinen Independent-Coming-of-Age-Film sein Regiedebüt produzierte und inszenierte sowie auch gleich selbst die Hauptrolle darin übernahm. Dass seine kanadische Kleinproduktion in Deutschland überhaupt im Kino zu sehen ist und vom exzellenten Verleih Kool verliehen wird, hat gewiss etwas mit den Auszeichnungen auf eben so einem Festival zu tun. Nur waren es bei Dolan derlei ein ganze Menge Festivalbesuche und zudem waren die Festivals selbst ein kleinwenig größer und internationaler als das in Münster. Gleich mit seinem Debütfilm errang Xavier Dolan, der aus einer Schauspielerfamilie kommt, zahlreiche Preise, wie in Cannes den Prix Regard Jeunes oder den Lumière-Preis in Paris. Kein Wunder also, dass im Presseheft von I Killed My Mother von einem „Wunderkind“ die Rede ist.

Dies ist sein Buch, es ist sein Film und sein Leben. Das Buch zu seiner Geschichte schrieb er mit 16, vollendete es mit 17, den Film drehte er mit 19. Und wer sich allein die ersten Szenen, ein Zwiegespräch mit der Mutter (Anne Dorval) im Auto anschaut, wird staunen über dieses kleine Meisterwerk. In seinem halb-biografischen Beziehungsporträt inszeniert der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Xavier Dolan seinen persönlichen Familienkonflikt als herausforderndes Pubertätsdrama. Der 17-jährige Hubert (Xavier Dolan) verabscheut seine Mutter für ihre Geschmacklosigkeit, ihr Unverständnis, ihre Käsereste am Mund (in Großaufnahme!) und aus vielen anderen Gründen, aus denen ein pubertierender Jugendlicher seine Eltern ablehnt. Und doch, irgendwie liebt Hubert seine Mutter auch, die ihn, seit der Vater früh die Familie verlassen hat, alleine groß zieht. Sein Traum ist es, mit seinem Freund Antonin ein Künstlerleben zu führen. Doch seine Mutter hat andere Pläne. Sie steckt ihn in ein Internat.

Ein deutliches Zeichen, wie weit Mutter und Sohn voneinander entfernt sind, ist zum einen der Zeitpunkt, wann und von wem Huberts Mutter Chantal von der Homosexualität ihres Sohnes erfährt. Die Mutter des Freundes Antonin spricht Chantal (mit beeindruckenden Nehmerqualitäten: Anne Dorval) auf die Beziehung ihrer Söhne an, was Chantal erschüttert. Die Liebesbeziehung Huberts zu seinem Freund Antonin inszeniert Dolan erfrischend unkompliziert und als etwas vollkommen Selbstverständliches. Selten hat man eine junge homosexuelle Beziehung so ehrlich, unverkrampft aber auch so offen nackt auf der Leinwand gesehen.

Das zweite signifikante Alarmsignal der gestörten Mutter-Kind Beziehung ist die Verleugnung Huberts seiner Mutter vor der eigenen Klasse, als er seine Mutter kurzerhand für tot erklärt. Durch diese Szene wird auch Dolans Verneigung vor einem anderen Debütfilm deutlich, der bei seinem Debüt Pate stand. Zusammen mit einem Filmplakat im Zimmer seines Freundes Antonin und durch die Schlussszene am Meer verneigt sich Xavier Dolan tief vor François Truffauts und seinem Debüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (Les 400 Coups, 1959).

Abgesehen vom Alter des Drehbuchautors und Regisseurs erstaunt vor allem die Reife, mit der diese Coming-of-Age Konflikte zwischen Mutter und Sohn und auch zwischen Schüler mit seiner gleichgeschlechtlichen Jugendliebe inszeniert werden. Denn nicht nur mit der rebellischen Kraft der Jugend und der eigenen Bildsprache (warme und kalte Farben) mit der er die Nähe und die Distanz zu den Figuren interpretiert sondern auch mit einer gehörigen Portion Arroganz und Selbstverliebtheit erzählt Dolan wie ein alter Regie-Hase von den ambivalenten Gefühlen eines Heranwachsenden. Nach dieser atemberaubenden Tour de Force bedarf es am Ende nur einer kleinen Einstellung, um Huberts oder vielmehr Xavier Dolans Innenleben zu spiegeln. Wie bei Truffaut endet die Geschichte am Meer. Doch der Regisseur der Vorlage war bei seinem Debüt bereits 28. Herausragend.



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INHALT

Wie jeder Heranwachsende, versucht auch Hubert seinen Platz im Leben zu finden und erlebt tiefe Freundschaft einerseits und Ausgrenzung andererseits. Seine Erfahrungen sind jedoch ständig geprägt durch die ständig vorherrschende Abneigung gegen seine Mutter, die mehr und mehr in Hass umschlägt und sogar so weit geht, dass Hubert in seiner Klasse erzählt seine Mutter wäre verstorben.

Ohne Zzweifel: Der 17-jährige Hubert Minel empfindet bei dem Gedanken an seine Mutter blanke Abscheu! Er hasst ihre Kleidung und er hasst ihre Wohnung, aber vor allem hasst er ihre manipulative Art und die ständigen Schuldzuweisungen von ihr.
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