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Home Wie können Menschen so leben? Diese Frage stellt man sich gerne mal im Vorbeifahren, wenn der Blick aus dem Zug- oder Autofenster auf scheußliche und lärmumtoste Behausungen am Rande der Strecke fällt.
Mit dem so dehnbaren wie belasteten Begriff des Zuhauses spielt der Debütfilm der Schweizer Regisseurin Ursula Meier, der sich schlicht „Home“ nennt und den blinden Nestbautrieb des Menschen an einem denkbar absurden Beispiel vorführt. Die Stimmung ihrer parabelhaften Erzählungen erinnert anfänglich ein wenig an Alex van Warmerdams Groteske „Noorderlingen“, diese Geschichte einer Mustersiedlung, die gegen jede Vernunft und Behaglichkeit von allerlei Käuzen bewohnt wird.

Allerdings haben Meiers Protagonisten sich in einer noch unwirtlicheren Umgebung niedergelassen. Die ersten Bilder erwecken den Anschein von Familiennormalität. Da spielt der Vater Michel (Olivier Gourmet) mit seinen Kindern Hockey auf einem Betonfeld, und erst als die Kamera hochfährt in die Totale, erkennt man, dass es sich dabei um einen Autobahnabschnitt handelt. Hier, unmittelbar neben der E 57, die noch nicht für den Verkehr freigegeben ist, haben sich die Eltern mit ihren drei Kindern niedergelassen, in einem Häuschen nebst Pool, das statt durch einen Gartenzaun von der Leitplanke begrenzt wird. Doch eines Tages werden Bautrupps gesichtet. Mit der Idylle ist es vorbei, bald donnern Autos voll staunend glotzender Menschen vorbei.

Zum einen ist „Home“ das bizarr-komische Psychogramm einer dysfunktionalen Familie, die ihr Refugium gegen die Bedrohung von außen behauptet. Der Vater ist ein Alt-Hippie in Schlangenlederstiefeln, der zwar keinen Beruf zu haben scheint, aber von Jagdausflügen schon mal mit einer Tiefkühltruhe auf dem Autodach zurückkehrt, und Mutter Marthe – von Isabelle Huppert als grandiose Grenzgängerin zwischen Heimchen und Hysterikerin gespielt – hält die Normalität aufrecht, die keine ist.

Zum anderen erzählt der Film, der in eine abgründige Stimmung umschlägt, wenn die Familie sich buchstäblich einzumauern beginnt, auch von der Mentalität des Heimatlandes der Regisseurin. Als Parabel über die isolationsfreudige Schweiz möchte Meier ihn verstanden wissen, als „Roadmovie à l`envers“ hat sie ihn selbst so schön bezeichnet – ein Roadmovie des Stillstands.



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INHALT

Marthe und Michel leben mit ihren drei Kindern direkt an einer stillgelegten Autobahn. Als dort plötzlich wieder Lastwagen und Autos vorbeidonnern, ist es vorbei mit der beschaulichen Idylle. Doch die Familie will ihr Heim partout nicht verlassen, ist fest entschlossen, dem ewigen Lärm und Dreck zu trotzen und tagtäglich die anstrengenden oder lebensgefährlichen Überquerungen durch einen Tunnel oder über die Autobahn zu wagen. Jeder der fünf leidet auf seine eigene Weise und entwickelt Ticks.
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