KRITIK

Holy Motors

Plakat zum Film Holy MotorsEr ist ein Mysterium, dieser Monsieur Oscar. Den ganzen Tag lässt er sich in einer Stretch-Limousine durch Paris fahren. Zu Beginn steigt er als Banker ein, dann steigt er verkleidet wieder aus: als alte Bettlerin, als Unhold, Musiker oder Killer, und am Ende kommt er wieder zu Hause an. Bei einer ganz anderen Familie. Ist er ein Schauspieler? Ein Fabelwesen? Auf jeden Fall ist er: ein Rätsel. Leos Carax, der große Unbekannte des französischen Kinos, lässt die Interpretationsspielräume offen. 1991 hatte er mit der Brücken-Penner-Ballade „Die Liebenden von Pont Neuf“ einen Welthit, zuletzt war er für 13 Jahre in der Versenkung verschwunden, und nun ist er wieder da: „Holy Motors“. Ein Drama, das für viele dieses Jahr der aufregendste Film in Cannes war.

Carax´ Lieblingsschauspieler Denis Lavant spielt nach „Die Liebenden..“ auch diesmal wieder die Hauptrolle. Der drahtige Körper-Mime schlüpft nacheinander in alle Oscar-Figuren, und mit seinen Rollenwechseln wechselt auch der Film die Kleider, wird vom Drama zum Krimi, vom Musical (mit Kylie Minogue!) zur Groteske. Szene aus dem Film Holy MotorsDas Ungeheuer „Monsieur Merde“, das blumenknabbernd über den Friedhof Père Lachaise huscht und ein Model kidnappt (Eva Mendes!), hat er schon in Carax´„Tokyo!“ gespielt. Das klingt (und ist) alles seltsam. Doch der Magie des Films kann man sich schwer entziehen: Hier wird, scheint´s, einmal quer durch die Filmgeschichte gesprungen. Carax, der im gespenstischen Prolog selbst auftritt und darin eine Geistertür ins Kino entdeckt, zitiert in diesen Kurz-Szenen bildmächtig verschiedene Genres, ohne sie dabei zu ironisieren.

Es wirkt, als wollte er im Zeitalter zittriger YouTube- Filmchen festhalten, was das Kino eigentlich kann. Das ist mal schräg, mal beunruhigend, aber immer fesselnd – allein schon wegen Lavants zirzensischer Verwandlungskunst. Wer im Kino endlich einmal genau das Gegenteil sehen will von dem, was da sonst so ewig ähnlich läuft: Hier ist’s! Lyrischer, freier, zauberhafter war das Carax-Kino bislang noch nie. Herausragend. Unbedingt ansehen!

 

 

Kritikerspiegel Holy Motors



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Sascha Westphal
epd Film, Die Welt, FR
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Durchschnitt
9.5/10 ★★★★★★★★★½ 





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INHALT

Vom Sonnenaufgang bis tief in die Nacht: einige Stunden im Leben von Monsieur Oscar, einer schattenhafte Existenz, die von einem Leben ins nächste schweift. Mal ist er ein Industriekapitän, mal ein Killer, ein Bettler, ein Monster oder ein treusorgender Familienvater…. Monsieur Oscar scheint Rollen zu spielen, taucht in jeden Part komplett ein – aber wo befinden sich die Kameras? Er ist alleine, nur Céline begleitet ihn, die große Blonde hinter dem Steuer der riesigen Stretchlimousine, die ihn durch Paris und in die Vororte kutschiert. Wie einen Profikiller, der von Auftrag zu Auftrag eilt. In der Vollendung einer schönen Geste, des Antriebs einer Aktion, der Frauen und Phantome seines Lebens. Aber wo ist sein Zuhause, seine Familie, kann er sich erholen?
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