KRITIK

Hobbit – Eine unerwartete Reise, Der

Plakat zum Film Der HobbitBilbo Beutlin, ich suche jemanden, der mit in ein Abenteuer zieht.“ Diese Aufforderung dürfte nicht nur zahlreiche Kinderherzen höher schlagen lassen. Auf diesen Satz warten viele Filmfans seit nunmehr neun Jahren. Spätestens seitdem bekannt wurde, dass auch der Roman „Der kleine Hobbit“ das Licht der Leinwand erblicken wird. Nach der herausragenden Verfilmung der „Herr der Ringe“-Reihe als Trilogie bringt der neuseeländische Meisterregisseur und Tolkien-Fan Peter Jackson nun auch das erste Buch aus J.R.R. Tolkiens Mittelerde-Mythologie auf die Leinwand. Und er macht daraus gleich drei Filme. „Der kleine Hobbit“, Originaltitel „The Hobbit or There and Back again“, von Stil und Absicht her ein Kinderbuch, spielt 60 Jahre vor „Der Herr der Ringe“, also vor der Reise von Frodo und seinen Freunden und erzählt die Geschichte des Hobbits Bilbo Beutlin. Peter Jackson, nicht nur Regisseur sondern auch Drehbuchautor und Produzent der dreiteiligen Verfilmung entschied sich für eine spätere Version des Romans. Eine Geschichte, die Tolkien nach dem großen Erfolg seiner „Herr der Ringe“-Reihe (über 150 Mio. verkaufte Buch-Exemplare) zugunsten sachlicher Widersprüche zu den späteren Büchern noch einmal überarbeitet hatte.

Die zähen Verhandlungen mit den beteiligten Produktionsfirmen (MGM) und sonstige Besetzungsüberlegungen (Guillermo Del Toro als Regisseur) sollen an dieser Stelle unkommentiert bleiben. Im Fokus steht das Kunstprodukt, ein fertiger Film, immerhin 166 Minuten lang, der erste Teil einer Geschichte für die Leinwand umgesetzt mit der neusten Aufnahme-Technik. Das heißt bei Peter Jackson und seiner Produktionsfirma Wingnut Films: Aufnahmen mit möglichst kleinen, hochauflösenden-3D-Kameras. Wunderwerke der Aufnahme-Technik, die nicht nur 3D-Bilder in der „doppelten Dichte“ von 48 frames per second (im Gegensatz zu „herkömmlichen“ 24 frames per second) aufnehmen und verarbeiten können, sondern die zudem in einer engen Umgebung (zum Beispiel: Hobbit-Höhle) handhabbar und flexibel einsetzbar sind.

Szene aus dem Film Der HobbitWarum diese Information so wichtig ist, wird gleich mit den ersten Bildern dieses „Prequels“ deutlich. Peter Jackson stellt dem Abenteuer von Bilbo Beutlin einen Prolog voran. Dieser zeigt, wie es dazu kam, dass der Drache Smaug den Zwergen in den Bergen ihren Schatz stahl, und endet mit einem martialischen Gemetzel zwischen den Zwergen und den Orks vor dem Zwergenreich Erebor. Ein visuell wie inhaltlich opulenter Auftakt, den Peter Jackson, ähnlich wie im letzten Teil seiner „Der Herr der Ringe“-Trilogie, zu einem Schlachten-Tableau mit „Mitfühl-Garantie“ ausmalt. Allein für die 3D-Kamerafahrten durch die Zwergen-Höhle sollten die kleinsten Kinobesucher alerdings einen „stabilen Magen“ mitbringen und im besten Falle schwindelfrei sein. Denn gleich zu Beginn fliegen die 3D-Kameras durch das Zwergenreich, als wollte Kameramann Andrew Lesnie eine „Mobilitäts-Demonstration“ der neusten 3D-Kameratechnik abliefern.

Der Kameraflug will auch wenig später kaum zur Ruhe kommen, als mit dem Hinweis „60 Jahre später“ das Geschehen ins Auenland wandert und die Hauptperson vorgestellt wird: Titelheld Bilbo Beutlin. Der junge Hobbit (Martin Freeman) bekommt überraschend Besuch von 13 Zwergen. Durch ein Zeichen auf seiner Wohnungstür, hinterlassen vom Zauberer Gandalf, der mit anfänglich gestellter Aufforderung (siehe Anfang des Textes) nach Weggefährten für sein Abenteuer sucht, finden die Zwerge den Weg in Bilbos Hütte und nisten sich nach und nach in seiner behaglichen Behausung ein. Bilbo, der immer noch nicht weiß, was es mit dem Besuch auf sich hat, wurde dazu auserkoren, den Zwergen dabei zu helfen, sich ihren geraubten Schatz wiederzuholen. Der Grund: Der Drache Smaug kann zwar Zwerge meilenweit riechen – nicht aber Hobbits. Allerdings wissen nicht nur die Leseratten unter den Zuschauern, auch Bilbo ahnt längst, dass hinter den Grenzen des Auenlandes zahlreiche Gefahren auf die tapfere Truppe lauern, noch lange bevor sie es mit ihrem eigentlichen Gegner zu tun bekommen…

Detailverliebt – wie schon in seiner „Der Herr der Ringe“-Verfilmung – lässt sich Peter Jackson laaaange Zeit, bis die eigentliche Reise beginnt. Allein 60 Minuten vergehen, bis das erste Abenteuer ansteht. Die Dialoge wurden zum großen Teil 1:1 aus dem Roman übernommen. Das führt einerseits zu heiteren, lustigen andererseits aber auch zu enervierend langatmigen Einstellungen. Diese dürften den Geduldsfaden jedes Hobbit-Fans bereist zu Beginn leicht überstrapazieren. Denn spätestens mit diesem erkennbar langsamen Erzähltempo wird klar, warum Peter Jackson drei Teile brauchte, um die knapp 400 Romanseiten auf die große Leinwand zu wuchten. Randnotiz: Der erste Teil des filmischen Hobbits umfasst lediglich etwa 120 Seiten des Romans.

Zudem fällt beim Besuch in Bilbos Hütte ein weiteres Manko sofort ins Auge: Die neue so genannte HFR- oder 48f/sec-Aufnahme-Technik. Zuschauer, die sich an der Kinokasse für eine Wiedergabe im HFR-Format entscheiden, sollten die Faszination für die hochauflösende (HD), digitale Bildwiedergabe mitbringen. Wer also den HD-Flachbildfernseher dem Röhren-Fernseher vorzieht, wer sich nicht an digitalen Bildaussetzern stört, wer die plastisch wirkenden Charaktere eines modernen Computerspiels den nachgestellten Realsituationen vorzieht, der dürfte mit dieser neuen Aufnahmetechnik keine Probleme haben. Alle anderen, die sich immer mal wieder über die so genannte CGI-Technik echauffieren, die Filme immer noch lieber auf ihrem Röhren-Fernseher schauen, sollten die „herkömmliche“ 24f/sec-Aufnahme, also NICHT HFR-Aufnahme wählen. Sie werden nicht das Gefühl bekommen, als handele es sich bei allen Darstellern um computer-generierte „Performance-Capture“-Figuren (siehe Zemeckis „Der Polarexpress“).

Szene aus dem Film Der HobbitVor dem Hintergrund, dass es sich im ersten Teil von „Der Hobbit“ um lediglich etwa 120 Romanseiten handelt, ist neben der Faszination für eine leider oft plastisch wirkende ultra-moderne Aufnahme-Technik auch die Faszination für einen freien Interpretationswillen vonnöten. So ließ es sich das Drehbuch-Quartett (Fran Walsh, Philippa Boyens, Guillermo Del Toro, Peter Jackson) nicht nehmen, nicht nur zahlreiche neue Figuren sondern ganze Handlungsstränge in die Geschichte zu integrieren. Einige Handlungsstränge wurden hinzugefügt, die im Buch lediglich Anmerkungen waren oder in anderen Werken Tolkiens, auch in der Zusatzliteratur erzählt wurden bzw. Erwähnung finden. Klar, dass Tolkien-Fan Peter Jackson nur allzu gern und zugegeben virtuos dabei mit den Dimensionen spielt: So winzig die Zwerge wirken, so gigantisch sind die Trolle. Bilbo Beutlin wird mal als „Schnupftuch“ missbraucht, ein weißer „Riesen-Ork“ fletscht immer wieder die Zähne und in der Höhle der Orks, in der ein besonders widerliches Ork-Exemplar (eine Mischung aus Jabba the Hutt und einer Riesenkartoffel) das Sagen hat, stürzt der Zuschauer dank 3-D-Technik in abgrundtiefe Schluchten, um sich dann wenig später im neuseeländischen Landschaftpanorama zu verlieren.

Szene aus dem Film Der HobbitKommt bei all den Schauwerten die Charakterzeichnung nicht viel zu kurz? Jein! Durch den sehr gemäßigten narrativen Erzählgestus können sich die Figuren langsam „entwickeln“. Während dies „Tolkien-erprobten“ Darstellern wie Andy Serkis als Gollum in kürzester Zeit gelingt, brauchen andere, allen voran Martin Freeman als Bilbo Beutlin dafür etwas länger. Die Naivität, mit der der Hauptdarsteller das Abenteuer angeht, will man dem englischen Schauspieler Martin Freeman zunächst nicht so recht abnehmen. Auch einige bedrohliche Situationen „kommentiert“ der Brite zunächst nur mit aufgerissenen Augen oder Augenrollen. Da kann man sicherlich noch in den Teilen 2 und 3 mehr erwarten… Zum Glück ist das Zusammentreffen mit Bilbo und Gollum gelungen. Denn diese Szenen am See sind sicherlich Schlüsselszenen im Werk von Tolkien.

Im Großen und Ganzen fällt es schwer, diesen ersten Teil der dreiteiligen Romanverfilmung mit „herausragend“ oder gar „meisterlich“ zu umschreiben. Durch die neue Aufnahmetechnik will der Zugang zu den (plastischen) Figuren nicht so recht gelingen, auch Gänsehaut-Momente oder gar Tränendrücker-Momente bleiben bis zum (zugegeben passenden) Ende „Fehlanzeige“. Zudem fragt man sich bis zuletzt: Für wen ist der Film eigentlich? Für Kinder unter 10 Jahren ist er viel zu brutal. Die Erwachsenen dürften sich über die „Slapstick-Momente“ (Bilbo als Schnupftuch, „Ich habe mein Taschentuch vergessen“ oder Ork-Chef plumpst auf Gruppe) ärgern. Außerdem dürften „Der Herr der Ringe“-Nichtkenner nur schwer etwas mit den zahlreichen Figuren anfangen können. Allzu oft setzt Peter Jackson auf einen gewissen Grad an Vorbildung, wenn er neue Figuren einführt. Insgesamt zu unentschlossen agierte somit Jackson in seiner Wahl der Szenen. Bleibt zu hoffen, dass das Gesamtwerk am Ende überzeugt. Der erste Teil ist zwar ein sehenswerter Abenteuerfilm, von einem Meisterwerk ist aber dieser erste Teil weit entfernt.

  



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Eure Kritiken zu Hobbit – Eine unerwartete Reise, Der

  1. Udo

    Schöne Kritik. Ich bin gespannt! Aber ich hoffe, dass ich anderer Meinung bin…

  2. kahlan

    Ich fand den Film sehr gelungen und für mich und meinen Sohn (16) war es mal wieder eine fantastische Reise nach Mittelerde. Klar, wer sich mit Der Herr der Ringe nicht befasst hat und den Hobbit nicht gelesen hat, mag es schwer sein sich damit anzufreunden.Aber die Kritik in diesem Artikel ist absurd und nicht neutral.

  3. Ole 64

    Ich habe den Film gestern mit meiner Tochter gesehen. Als „Herr der Ringe – Fan habe ich mich total auf den „Hobbit“ gefreut und wurde schon ziemlich enttäuscht.
    Die zahlreichen Blödelszenen und Blödeldialoge haben für mich den ganzen Film kaputtgemacht.
    Ich bin oft völlig genervt auf meinem Kinositz herumgerutscht.
    Auch die Handlung hatte für mich oft Längen und war nicht immer schlüssig. Z.B. die Passage mit dem dämlichen Zauberer mit Kaninchenschlitten war nicht gut eingefügt.
    Die Spezialeffekte und die Figuren (Zwerge, Orks, Trolle) waren natürlich klasse gemacht und haben den Film halbwegs gerettet.

  4. RobbyTobby

    Als HdR-Fan wollte ich die Kritik zunächst nicht wahrhaben. Doch nach dem Film muss ich den angesprochenen Punkten im Text zustimmen. Als Teil eines Films funktionieren die fast 170 Minuten ganz gut. Aber sowohl von der Dramaturgie als auch von den gesetzten Schwerpunkten fällt „Der Hobbit“ deutlich hinter den „Herr der Ringe“-Teilen zurück..

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