KRITIK

Hin und weg

Bild (c) Majestic Filmverleih.

Bild (c) Majestic Filmverleih.

Ein Ensemblefilm aus Deutschland? „Oh nein“ seufzen daraufhin einige Filmfans in Saal 5 an diesem Sneak-Preview-Kinoabend. Mit deutschen Ensemblefilmen hat das kritische Sneak-Publikum in Münster bereits ausreichend Erfahrung gesammelt. Und es waren keine guten. Filme wie „Männerherzen„, „Selbstgespräche„, „Lichter“ und Co. sind den jungen Cineasten noch in sehr schmerzhafter Erinnerung. Und dann soll es in den kommenden gut 90 Minuten auch noch um Sterbehilfe gehen. Moderator Matthias versuchte, den bösen Vorahnungen seiner Gäste bereits im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen und versprach „tolle Darsteller, viel Witz und Komik und auch ein bisschen Drama.“ Ein Versprechen, das gehalten wurde. Denn all das sollte sich erfüllen. Und noch viel mehr.

Gleich mit der ersten Szene wird Hauptfigur Hannes vorgestellt. Hannes (überzeugend: Florian David Fitz) leidet an der unheilbaren Nervenkrankheit namens ALS. Im Alter von 36 Jahren. Seit zwei Jahren weiß er es. „Seit einem halben Jahr geht es bergab„. Das wird er wenig später auch seinen Freunden beichten. Hannes´ Vater hatte vor einigen Jahren in einem schweren Kampf gegen die Amyotropher Lateralsklerose, kurz ALS, den Kürzeren gezogen. Irene (Hannelore Elsner), Ehefrau und Mutter seiner drei Söhne war den langen Leidensweg bis zum bitteren Ende mitgegangen. Erfahrungen und Erlebnisse, die Hannes nicht noch einmal und vor allem nicht selbst machen will. Aus diesem Grund sitzt er auf dem Hometrainer und trainiert für eine Fahrradtour. Die jährliche Reise mit seinen Freunden soll in diesem Jahr nach Belgien gehen. Denn in Belgien ist Sterbehilfe erlaubt.

Außer seiner Frau Kiki (Julia Koschitz, „Shoppen“) sowie seiner Mutter Irene hat er niemandem von seinem Plan erzählt. Dementsprechend ist die Wiedersehensfreude unter den Freunden zunächst groß, als sich alle, darunter auch Hannes ahnungsloser jüngerer Bruder Finn (Volker Bruch), vor Hannes und Kikis Wohnung in Frankfurt wiedersehen. Erst als die langjährigen Freunde auf der zweiten Station auf Hannes´ älteren Bruder Jens (Jan Massutat) und auf Hannes Mutter stoßen, werden alle eingeweiht. Mit einer Beichte, die alle Beteiligten bis ins Mark trifft. Und teilweise für Unverständnis sorgt.

Szene_Hin_WegDarunter das Ehepaar Mareike (großartig: Victoria Mayer) und Dominik (Johannes Allmayer), deren Liebesleben weitgehend zum Erliegen gekommen ist im Alltag zwischen Routine, der Sorge um die Kinder und um das Haus. Oder dem coolen Werkstattbewohner Michael (Jürgen Vogel), der gerade mal wieder Stress mit den Frauen hat, weil sein außergewöhnlicher Eroberungstrieb keine dauerhafte Beziehung zulässt. Besonders hart trifft die Tatsache jedoch Finn, Hannes jüngeren Bruder, der zunächst seine Weiterfahrt an der Reise verweigern will.

Dass alle am Ende der Reise an der Seite ihres Freundes sitzen, hatte bereits der sehenswerte Trailer zum Film verraten. Aber dass „Hin und weg“ von Christian Zübert kein pseudosentimentales Rührstück ist und gekonnt jede Kitsch- und Klischee-Falle umschifft, ist vor allem dem tollen Buch von Ariane Schübert und eben Christian Zübert und nicht zuletzt den großartigen Darstellern zu verdanken. In einer nahezu perfekten Mischung aus erforderlicher Nähe und beruhigender Distanz gelingen Christian Zübert, zusammen mit seinem Kameramann The Chau Ngo beeindruckende Einstellungen zwischen genauem Hin- und Wegsehen sowie Bildern voller Wärme weitab der Ausweglosigkeit.

Aus einem beeindruckend harmonischen Ensemble, das absolut überzeugend als eingeschworener Freundeskreis durchgeht, muss man an dieser Stelle vor allem Victoria Mayer und Johannes Allmayer als Ehepaar sowie Julia Koschitz als Begleiterin Kiki herausheben. Allen Beteiligten und vor allem Letzterer gelingt die diffizile Gratwanderung zwischen Komik und Tragik derart eindrucksvoll, dass am Ende zahlreiche Tränen fließen. Und das sicherlich nicht nur – wie selbst erlebt – nach der Vorstellung in Münster.

 



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