KRITIK

High-Rise

Bild (c) DCM Film Distribution.

Bild (c) DCM Film Distribution.

Im spannenden Thriller „Snowpiercer“ von Bong Joon-ho aus dem Jahr 2013 fuhr ein Zug durch die Postapokalypse – ganz hinten saß das Lumpenproletariat, vorne der Geldadel, an der Spitze der gottgleiche Schöpfer des Zuges, gespielt von Ed Harris. Dann kämpft sich die Revolution der Armen Wagen für Wagen nach vorne. „High-Rise“ der fünfte Spielfilm des britischen Kultregisseurs Ben Wheatley („Sightseers“), organisiert den Zerfall einer hierarchischen Herrschaftsordnung nun nicht wagenweise waagerecht sondern etagenweise senkrecht.

Der isolierte Schauplatz dieser Verfilmung des gleichnamigen dystopischen Romans von J. G. Ballard ist nämlich ein brutalistisches, mehrstöckiges Betonhaus irgendwo in der Londoner Peripherie, Ende der 70er Jahre: In den unteren Geschossen wohnen die kinderreichen Armen, in beengten Verhältnissen, meist ohne Strom; in den oberen wohnen die Reichen und ganz oben thront im mondänen Loft mit Park auf dem Dach der gottgleiche Architekt, überzeugend verkörpert von Jeremy Irons.

Szene_High-Rise_2Ins mittelprächtige 25. Stockwerk zieht eingangs der Arzt Dr. Laing, mit undurchdringlicher Aalglätte gespielt von Tom Hiddleston, den man etwa als „Quälgeist“ Loki aus den Avengers-Filmen kennen dürfte. Laing baut schnell Kontakte nach oben und unten auf – und wird bald Zeuge, wie das einst utopisch gemeinte Soziotop auseinanderbricht: Überall fällt plötzlich der Strom aus. Der Müll stapelt sich in den Gängen, die Fahrstühle streiken, Supermärkte werden geplündert. Während oben orgiastische Parties gefeiert und Frauen vergewaltigt werden, rebelliert unten das Proletariat. Am Ende steht die totale Enthemmung, Ausnahmezustand, der Tower Block versinkt in Gewalt.

Regisseur Ben Wheatley zeigt das in formal strengen, dem Retrofuturismus von Siebziger-Dekors verpflichteten Bildern und mit tollem musikalischen Unterbau (u.a. Portishead): im Verlauf wird es immer surrealer, bis der Plot sich beinahe aufzulösen beginnt. Form follows function. Das wird sicherlich nicht jedem gefallen. Zumindest demjenigen nicht, der eine stringent erzählte Sozialsatire erwartet. „High-Rise“ erzählt von einer Gesellschaft, die die Isolation sucht und das Chaos findet – und ist damit fast so etwas wie der Film zur Brexit-Stunde.

Im abgründigen, vielsagenden Schlussbild schwärmt Margaret Thatcher aus dem Off von einer Gesellschaftsordnung, deren Kollaps der Film zuvor in unterhaltsamen 119 Minuten zuvor aufs Groteskeste vorexerzierte. Sehenswert.

 

 

Kritikerspiegel High-Rise



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, filmgazette
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Sascha Westphal
epf film, WAZ
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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Eure Kritiken zu High-Rise

  1. John Brunner Experience

    Selten einen Film gesehen, bei dem Trailer und Langversion so auseinanderdriften. Wäre der Film in den Siebzigern gedreht worden, könnte man in noch als experimentell abhaken. Als schlechten LSD-Trip des Regiesseurs. Weder Drehbuch noch Darsteller können überzeugen. Es wirkt, als hätten sie die Chance genutzt, mal etwas anderes zu machen. Da ich die Vorlage nicht kenne, dachte ich, es hätte ein experimentelles Theaterstück als Vorlage gedient. Die Geschichte wirkt sehr zusammenhanglos, eine innere Logik vermag ich nicht zu erkennen. Es geschieht einfach. Einzig Wilder scheint eine Entwicklung durchzumachen. Alles wirkt irgendwie bruchstückhaft, aber selbst der Anarchische Zusammenbruch jedweder Gesllschaft folgt gewissen logischen Zusammenhängen. Sollte es die in der Buchvorlage geben, wovon ich aussgehe, ist dies ein Mangel des Drehbuchs. Die Dystopie wirkt auch sehr konventionell, wenig, bis gar keine Ironie, Selbstironie,echter Zynismus oder schwarzer Humor. Man wartet eigentlich die ganze Zeit darauf, daß es endlich losgeht.Sollte es die in der Buchvorlage geben, wovon ich aussgehe, ist dies ein Mangel des Drehbuchs. Folgerichtig ist auch die Hälfte des Kinopublikums vor Ende der Vorstellung aus dem Saal. Je länger der Film ging, umso mehr dachte ich, der Regisseur sollte sich einen Therapeuten suchen und nicht das Publikum als Therapieersatz mißbrauchen, da er offenkundig an einem Thatherismus-Trauma leidet und es irgendwie verarbeiten muß! Einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehn habe.

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