KRITIK

Hell

Filmplakat zum Film HellSeit drei Jahren gibt es keine Ernte mehr. Nur wenige von uns haben überlebt. Manche sagen, dass es über der Baumgrenze wieder regnet. Ich glaube nicht daran.

Wenn ein Trailer mit diesen Worten beginnt, klingt das eher nach klassischem Genre-Kino aus Hollywood. Vielleicht nach einem B-Movie. Doch diese Worte stammen von Angela Winkler, einer deutschen (Bühnen)Schauspielerin, die in einem deutschen Genre-Film ein resolutes Familienoberhaupt einer recht bizarren Patchworkfamilie verkörpert. Ein Science-Fiction-Thriller aus Deutschland? Genre-Kino fernab deutscher Kino-TV-Hybride? Egal wie der Film am Ende ist, allein für ihren Mut haben die Verantwortlichen zunächst einmal Respekt verdient.

Wir schreiben das Jahr 2016. In fünf Jahren, das behauptet der junge Filmhochschulabsolvent Tim Fehlbaum, wird die Temperatur auf der Erde um 10 Grad gestiegen sein. Die Klimakatastrophe ist eingetreten. Deutschland gleicht einer Wüste, gesunde Vegetation ist kaum mehr vorhanden, Wasser ein rares Gut. Erbarmungslos brennt die Sonne, da hilft auch kein Lichtschutzfaktor mehr. Wer sich ihr länger aussetzt, muss sterben. In der Hoffnung, in den Bergen Schutz und Wasser zu finden, machen sich Marie (Hannah Herzsprung), ihre Schwester Leonie (Lisa Vicari) und Philip (Lars Eidinger) mit ihrem alten Volvo auf die gefährliche Reise. Ihr Sprit ist begrenzt. Und in jeder Stadt, an jedem Punkt lauert die Gefahr. Wie lange sie schon unterwegs sind, wissen wir nicht.

An einer verlassenen Tankstelle suchen sie nach Treibstoff und ein paar Lebensmitteln. Plötzlich taucht ein Fremder (Stipe Erceg) auf. Es kommt zum erbitterten Kampf zwischen ihm und Philip. Erst als beide erkennen, dass sie voneinander profitieren können (der eine hat Benzin, der andere etwas zu essen), schließt man sich zusammen und zu viert geht die Reise weiter. Bis zum nächsten Stop an einer weiteren Grenze am Rande der Berge.

Szene aus dem Film Hell

(c) Paramount Pictures

Den täglichen Kampf ums Überleben unter unmenschlichen Bedingungen bricht der junge Regisseur Tim Fehlbaum auf zunächst vier Personen herunter. Im ersten Akt (innerhalb der klassischen Dramen-Struktur eines Fünf-Akters) geht es um ihre Fahrt im Auto. Die Schauspieler agieren auf engstem Raum. Leid, Angst, Verzweiflung und Hoffnung lassen sich hervorragend in ihren Gesichtern ablesen. Besonders gut gelingt dies der Münchnerin Hannah Herzrsprung, die nach ihrem grandiosen Auftritt in „Vier Minuten“ (2008) nicht nur bei ihrem PR-Besuch in Münster erklärte, dass ihr dieser Film, mit diesem jungen Team ganz besonders am Herzen liegt.

Aber nicht nur die Schauspieler agieren von der ersten Minute an auf sehr hohem Niveau, auch Setting, Kamera (Markus Förderer) und Schnitt (Andreas Fenn) sehen alles andere als Low-Budget aus. Beeindruckend, wie versiert und vor allem auf welch hohem produktionstechnischen Niveau das Team um Regisseur und Ideengeber Fehlbaum seine Vorstellungen einer Endzeitvision auf die Leinwand hievt. Denn auch wenn sich der Regiedebütant in seiner von Roland Emmerich und der deutschen Paramount produzierten Inszenierung ganz offensichtlich an allen möglichen thematischen Vorbildern („Mad Max“, „I Am Legend“ bis „The Road“) orientiert hat – das Ergebnis überzeugt ganz ohne Multimillionenbudget.

Alles sieht erstaunlich handwerklich versiert, ja regelrecht international aus. Nichts lässt erahnen, dass der Film neben Korsika (nach einem Waldbrand) auch in der Nähe von Passau und in Brandenburg gedreht wurde. Das wird erst im zweiten und dritten Akt ersichtlich, wenn sich Fehlbaum fast ein wenig zum Hinterwäldler-Horror versteigt. Doch keine Angst, Gewaltexzesse a lá Hollywood („The Hills have Eyes“) oder aus dem jungen französischen Kino gibt es nicht. Dafür fehlte den Verantwortlichen anscheinend der Mut. „Spannung statt Splatter“ lautete die Devise, wohl mit Blick auf das breite Mainstream-Publikum.

Szene aus dem Film Hell

(c) Paramount Pictures

Diese Aufgabe wurde der Theatermimin Angela Winkler übertragen, die im dritten Akt als Kannibalen-Mutti zunächst der gestrandeten Marie ihr offenes Herz anbietet, um sie nachher ihrem zurückgebliebenen Sohn als „Gebärmaschine“ anbieten zu können. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kommen einem die Versatzstücke aus dem Horrorgenre (der letzten 40 Jahre) sehr vertraut vor. Aber „Hell“ will nicht Provinz, sondern großes, internationales Genrekino sein. Das gelingt dem jungen deutschen Debütanten zwar nicht ganz, aber Dank der Unterstüzung durch Paramount, Emmerich und Co. sowie der überzeugenden Darsteller ist dieser kleine Film auch technisch auf der Höhe der Zeit. Ein insgesamt famos gespielter Survival-Trip und jeden Cent der Eintrittskarte wert.

  



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INHALT

Einst spendete sie Leben, Licht und Wärme. Doch nun hat die Sonne die ganze Erde mit ihrer entfesselten Strahlkraft in verdörrtes, lebloses Ödland verwandelt. Deutschland ist nicht verschont geblieben. Wälder sind versengt, Tierkadaver säumen die Straßen. Selbst die Nächte sind eindringlich hell. Nur wer sich gegen das blendende Licht der Sonne schützt, hat eine Chance zu überleben. Wie Marie (HANNAH HERZSPRUNG), die mit ihrer kleinen Schwester Leonie (LISA VICARI) und Phillip (LARS EIDINGER) in einem abgedunkelten Auto Richtung Gebirge fährt: Dort, so heißt es, soll es Wasser geben! Es ist eine verzweifelte Irrfahrt ins Nirgendwo. Unterwegs lesen sie Tom (STIPE ERCEG) auf. Er erweist sich als perfekter Mechaniker und ist unentbehrlich. Doch kann man ihm auch wirklich trauen? Die Anspannung in der kleinen Gruppe wächst. Dann werden die Vier in einen Hinterhalt gelockt. Der Überlebenskampf beginnt...
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