KRITIK

Heaven

Heaven Was für eine Verheißung: Ein neuer Film von Tom Tykwer und ein Drehbuch von Krzysztof Kieslowski/Krzysztof Piesiewicz!
Zum ersten Mal – so jedenfalls tönt es aus den meisten Ankündigungen, Besprechungen, PR-Texten der X-Filme Produktion – habe Tykwer auf ein fremdes Drehbuch zurückgegriffen … als hätte der 36-Jährige bereits ein Oeuvre von einigen zehn Filmen abgeliefert. Genau vier vor Heaven sind es jedoch erst wirklich, und es ist – dem Rezensenten sei seine schroffe Vorwegnahme verziehen – nur der „Winterschläfer“ (1997), der bis jetzt Anspruch auf Überdauern hat; und der überdauern wird. Heaven wird das nicht können, zu unentschieden ist der 95-min Film angelegt, zu dürftig ist das, was er sagt, in Bildern wie in Worten.
Unentschieden ist er, weil man während des ganzen Filmes nie so recht weiß, ob hier ein Thriller inszeniert wird oder eine Liebesgeschichte. Man spürt auch keine Reflexion, keine wirkliche Bezugnahme auf den polnischen Meister, dessen scharfsichtiges wie gleichzeitig zutiefst mystisches Pathos nur noch von Musikerkollegen erreicht wird, allesamt gebürtig aus Polen: der gute Mensch Szymanowski, der naive Visionär Gorecki oder der glänzende Theoretiker Penderecki.

Was machte Tykwer: Er beginnt klassisch mit einer Exposition, dem Setzen der ersten Klammer, die am Ende des Films ihr Gegenstück erhält: Eine Flugsimulation, die der Schüler nicht bewältigt und abstürzt; und die Lehrerstimme kommentiert aus dem Off: zu hoch geflogen! Dann beginnt die Geschichte, die mehr Krimi ist als Liebesgeschichte, zu sehr selbstverliebt in kleine Details, zu langatmig schwelgt Tykwer in der filmischen Umsetzung des Befreiungsversuchs, dessen Raffinesse aber in anderen, wirklichen Ausbrecherfilmen schon mit deutlich mehr Spannung genossen wurde. Liebesgeschichte? Wenn das eine Liebesgeschichte ist, dass einer einen anderen liebt ohne das auszusprechen, ohne es anzudeuten, und wenn der andere den einen nicht liebt oder ihn nur liebt, weil der es vielleicht erwartet, dann ist das eine Liebesgeschichte, eine leidenschaftslose, transzendente, eine schwer nachvollziehbare zwischen einem heilig unschuldigen Bettnässer und einer wunderschönen, emotional blockierten Jeanne d’Arc.
Doch das wäre alles noch nichts bezogen auf die oben formulierte Erwartung: Tykwer/Kieslowski. Gerade dort, wo sich der Film über Krimi und/oder Liebesgeschichte erhoben hätte und Anspruch auf Überdauern erworben hätte, dort scheitert das „deutsche Regiewunder“ im absolut nicht nachvollziehbaren Nicht-zu-ende-führen der als zentral aufgebauten Schuldthematik: Cate leidet unter der Ermordung der vier Menschen, sie will sich ausdrücklich dafür verantworten. In Freiheit schon deutet sie an, sich stellen zu wollen und den Preis für ihre grausame Handlung zu zahlen. Doch auch noch ihr Bedauern, ihr Schuldgefühl nach der Ermordung des Dealers wird in keinem der nachfolgenden Bilder, der kargen, ärgerlich flachen Dialoge der letzten Filmminuten wiederaufgegriffen; Tykwer hat die Schuldfrage – unter den Opfern waren, oh grausames Klischee, zwei unschuldig süsse Kinder mit ihrem liebevollen Vater – und ihre Lösung ganz offensichtlich aus den Augen verloren (das Haarescheren der beiden kann ja wohl kaum als ein Hinweis auf Sühne gemeint sein …!). Statt dessen zeigt er auf den letzten Metern die lange schon angekündigte doch nie gezeigte, nie entwickelte Liebesgeschichte zwischen Mörderin und Polizist: beide wandern durchs sommerliche Ferienidyll Toskana, Weinstädte mit großem Namen bilden Postkartenatmosphäre, und schließlich sieht man die beiden händchenhaltend über die Hügel des toskanischen Paradises laufen, um sich hier in gleicher Unschuld vor untergehender Sonne zu entkleiden und einen Tanz naturreiner Elfenliebe aufzuführen. So endgültig in den Stand ewiger Liebesunschuld erhoben, steigen sie am nächsten Morgen mit dem Hubschrauber in den Himmel hinauf, lösen sich auf im Nichts und keine Stimme aus dem Off kommentiert diesen Flug, eine deutliche Flucht Tykwers vor bohrenden Fragen.
Fragen danach, was angerissen wurde (Rote Brigaden, Mafia, Vater-Sohn-Beziehung), Fragen nach der Häufung von Schablonen um die beiden Hauptdarsteller, Fragen nach der Moral von der Geschicht. Allein, wirklich allein der Vater des Polizisten erscheint in seiner liebevollen und wirklich ergreifenden Zerrissenheit eine echte Figur zu sein, würdig, einem Drehbuch zu entstammen, dass einen radikaleren Regisseur verlangt hätte. So bleibt am Ende nichts. Keine Liebesgeschichte wird erzählt, kein Krimi, keine Antwort, kein Fingerzeig in der Frage nach Schuld und Sühne. Es bleibt der helle Himmel Italiens, auf dessen strahlend glänzender Oberfläche nichts zu sehen ist, nichts zu erinnern, nicht einmal Wolken. Benedikt Kraft



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INHALT

Eine junge Frau bastelt eine Bombe, bringt sie in ein Bürohochhaus, deponiert sie im Büro eines Geschäftsmannes, verlässt den Büroturm und ruft bei der Polizei - in diesem Fall die Carabinieri - an und nennt ihren Namen. Kurz darauf wird sie verhaftet.
Im Verhör erfährt Philippa, so ihr Name, dass ihr Anschlag vier Menschen das Leben gekostet - und der Geschäftsmann die Explosion nur von ferne gehört hat. Unter dem verhörenden Polizistenteam befindet sich ein junger Mann – zuerst nur Protokollant dann auch Übersetzer -, der sich in die schöne Engländerin verliebt: Als sie mit dem Ergebnis ihres Attentats konfrontiert wird und in Ohnmacht fällt, ist es der junge Polizist, der ihre Hand hält. Und sie, im Erwachen, drückt die seine, eigenartig glücklich, getröstet in der Verlassenheit.
Der junge Polizist bereitet ihre Flucht vor. Sie entkommen. Und weil der Geschäftsmann – der Drogenhändler großen Stils ist und mit dem Wissen höherer Polizeibeamter seine tödlichen Geschäfte auch an der Schule macht, an der Philippa Englisch unterrichtet – noch nicht bestraft ist, locken die beiden diesen in eine Falle woraufhin Philippa ihn erschießt. Zusammen verlassen sie die Stadt auf abenteuerlichen Wegen, verlieren sich im immer feiner verästelten Wegenetz bis in die Toskana hinein und finden Unterschlupf im Haus einer Freundin...
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Eure Kritiken zu Heaven

  1. Indy

    Ein herrlicher…Film…

    Ich weiss garnicht, was der Kritiker hier gegen Tom Tykwer hat. Wenn man kein Fan der ausserordentlichen Bildsprache Tykwers ist, die wirklich von vielen Kennern gelobt wird und auf der ganzen Welt Beachtung findet, sollte man sein Kinoempfinden mal überdenken. Gewiss, hier wird kein Schablonenfilm mit einer fertigen Story und einfachen Charakteren geboten, aber gerade dieses Weglassen, das Nicht-erzählen-müssen darf man doch wohl als intelligentes Kino bezeichnen.

  2. Udo

    Tom Tykwers bestHallo Leute, komme gerade aus dem Film und bin begeistert. ich kann verstehen, dass der Film polarisiert. Nicht jeder wird etwas mit der Ruhe und Lethargie anfangen können, die Tykwer hier verbildlicht hat. Dennoch ist es gerade die Stimmung, die einen sofort in den Bann zieht. Ich ziehe den Hut vor Tykwer, dieses doch eher unspektakuläre Drehbuch so gekonnt in Bilder gekleidet zu haben.

  3. Christian

    Heaven ist in der Tat ein Flop..die Geschichte will partout nicht unter die Haut gehen. Die Charakterzeichnung misslingt, vielleicht auch zu Gunsten einer

    netten Bildästhetik. Dennoch bleibt die Geschichte kalt und leer. Und das nicht, um Raum für eine eigene Interpretation zu schaffen, sondern weil Tykwer sich immer mehr von seinen Schauspielern entfehrnt. das war bei Winterschläfer noch ganz anders.

  4. Tom

    hallo, schließe mich der Kritik hier an. habe den film gestern gesehen. Obwohl cate blanchett wirklich intesiv spielt, bleibt vor allem die Liebesgeschichte sehr distanziert. Wahre Gefühlsausbrüche kann man nicht erwarten. Schade!

  5. tine

    ähhh ….. tja … mir fehlt so ein wenig das fachvokabular.

    ich versuche mal zu schreiben was ich empfinde: die schauspieler sind wundervoll, die story ist eher märchen als realität, eher reduziert als bombastisch …

    ich kann verstehen das es menschen gibt die mit dem letzten drittel grosse probleme haben. ich konnte es einfach so annehmen. ich bin ein tom tykwer fan wegen |tödliche maria|, |winterschläfer| und |der krieger und die kaiserin| .. nicht wegen |lola rennt|. dieser film ist für mich jedoch mehr krysztof kieslowski als tykwer. irgendwas verstanden :)?

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